Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Begriffe und Wirklichkeit 287 verherrlicht, als etwas, das bewahrt werden müsse, weil es die messianische Menschheit vorbereite. Auch wir sehen als das Ziel „die Erlösung des Menschengeistes und das Heil der Welt" (Buber, Drei Reden, S. 92), aber als den Weg dahin sehen wir „die Befreiung eines gepeinigten Volkes und seine Sammlung um Gottes Heiligtum" (das.). Oder, wie Moses Hess es 1864 (Schriften, S. 44) ausgesprochen hat: „Uns fehlt das Land, um das historische Ideal unseres Volkes zu verwirklichen, welches kein anderes Ideal ist als die Herrschaft Gottes auf Erden, die messianische Zeit, die von allen unseren Propheten verkündet worden ist." Es fällt uns nicht bei, wie Siemeinen, „das Judentum in seiner Grundlehre grundsätzlich für das jüdische Volk reserviert zu halten". In der messianischen Menschheit mag das Judentum dereinst aufgehen, mit ihr verschmelzen; nicht aber vermögen wir einzusehen, daß das jüdische Volk in der heutigen Menschheit untergehen müsse, damit die messianische erstehe: vielmehr muß es eben darum mitten in ihr, ja mitten in dieser heutigen Menschheit verharren, aber nicht als eine stetig abbröckelnde Naturtatsache im Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion, sondern als ein sein Ideal um dieser Menschheit willen und ihr gegenüber frei und ungehindert verwirklichendes Volkstum. „Die jüdische Religion lehrte nicht wie das paulinische Christentum ein Hinaustragen der Botschaft in die Völker, nicht wie der Islam ein Erobern der Welt für den Glauben, sondern die Einwurzelung im heimatlichen Boden, die Bewährung des rechten Lebens in der Enge, die vorbildliche Gestaltung einer Menschengemeinschaft auf der schmalen kanaanitischen Erde. Und die am tiefsten ursprüngliche Schöpfung des Judentums, der Messianismus, ist nur die gleiche Idee, als letzte Erfüllung gedacht, in die absolute Zukunft projiziert, da der Herr allen Völkern auf dem Berge Zion ein Mahl richten wird von reinem Wein, darinnen keine Hefe ist" (Buber, Vom Geist des Judentums, S. 38). Das Streben nach der „Heimstätte" ist ein nationales; ihr eigenes Streben, das Streben des jüdischen Gemeinwesens in Palästina wird ein übernationales sein müssen. Wir wollen Palästina nicht „für die Juden": wir wollen es für die Menschheit, denn wir wollen es für die Verwirklichung des Judentums. 6. So, verehrter Herr Geheimrat, verhält es sich mit Ihrer Beschuldigung, die zionistische Literatur verhöhne die messianische Idee. Und nicht besser belegt ist Ihr anderer Vorwurf. Die „Koalition" des Zionismus mit der Orthodoxie, sagen Sie, sei unnatürlich, „denn Vertreter des Zionismus haben es oft genug ausgesprochen, und ihre schöne Literatur strotzt von diesem Zynismus: daß die pantheistische Weltanschauung über die Religion eines jenseitigen Gottes erhaben ist." „Ihre" schöne Literatur? Die schöne Literatur der „Vertreter des Zionismus"? Was für eine Literatur meinen Sie damit? In der schönen Literatur pflegt man im allgemeinen doch nicht vergleichende Weltanschauungsstudien zu treiben. Ich halte es übrigens zwar für keinen „Zynismus", eine Weltanschauung über eine Religion 2u stellen, aber gleichviel: welche Vertreter des Zionismus meinen Sie, und welche Äußerungen von ihnen, in denen sie die pantheistische Weltanschauung solchermaßen mit der Religion eines jenseitigen Gottes verglichen haben? Nicht, als ob das in meinen Augen ein Grund wäre, irgend eine Koalition „unnatürlich" erscheinen 2U fassen: es liegt in der Natur der Koalitionen, daß sie einen gemeinsamen Gegner