Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105797--0422-3105833- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
286 Martin Buber: Nation oder Nationalität, gleichviel. Das Judentum ist ein undankbares Exempel für Definitionen. Es gibt Schichten des deutschen Judentums, bei denen ich das Gefühl „Nationalität" kaum noch aufbringe; sie sind nicht etwa übernational, sondern unternational — das artlose, gedächtnislose, substanzlose Randgezücht. Aber ich brauche nur einen Vers von Bialik oder einen Brief aus Erez Israel zu lesen und ich fühle: hier ist Nation, nein, hier ist mehr als Nation — hier ist Volk. Sie schreiben, verehrter Herr Geheimrat: „Solange dort die Losung besteht, eine „öffentlich-rechtliche Heimstätte" für die Juden zu gründen . . Diese Losung besteht nicht und hat nie bestanden. Sondern die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte wird „für das jüdische Volk" erstrebt. Und von dieser Losung sagen Sie, Herr Geheimrat, nachdem Sie sie so grundverkehrt zitiert haben, ihre Zweideutigkeit mache den ganzen Zionismus für Sie „zu einer schier unbegreiflichen Unwahrhaftigkeit!" Worin besteht diese Unwahrhaftigkeit? Ob diese oder jene Juden sich bereits im Besitz einer Heimstätte fühlen, das ist ihre Sache; aber besitzt das jüdische Volk eine Heimstätte? Das jüdische Volk — keine Naturtatsache, sondern eine keiner anderen vergleichbare geschichtliche Wirklichkeit; kein Begriff, sondern ein ungeheures Leben und Sterben vor Ihren und meinen Augen; kein Mittel für die Fortpflanzung der Religion, sondern dieser Religion und mit ihr aller jüdischen Ideologie, alles jüdischen Ethos, aller jüdischen Sozialität zum Staube erniedrigter Träger, Mögen Juden an allerlei Orten, in diesem oder jenem Vaterlande „ihrem politischen Bewußtsein und Gefühle nach eine Heimstätte besitzen", das jüdische Volk ist der große Heimlose. Alle Gottesflüche der Schrift meinen Zerstreuung, alle göttlichen Segnungen und Tröstungen meinen Sammlung — für wen? Für die Juden aller Vaterländer? Für die ihrem politischen Bewußtsein und Gefühle nach Besitzenden? Oder nicht vielmehr für das Volk? Und in denen alsdann das Volk lebendig ist, diese sind der Rest, dem der Prophet die Rückkehr kündet. Im Zeichen der alten Segnungen und Tröstungen steht die neue Losung. Sie fordert eine Heimstätte — für das jüdische Volk, das, um mit Ihren Worten zu sprechen, „annoch einer solchen entbehrt". 5- Die messianischen Segnungen und Tröstungen — aber Sie, Herr Geheimrat, werfen ja gerade dem Zionismus vor: die zionistische Literatur „ergehe sich in frivoler Verhöhnung dieser höchsten Idee der jüdischen Religion", des Messianismus. Wo und wann, Herr Geheimrat, hat sie sich darin ergangen? Ich glaube die zionistische Literatur zu kennen; ich kann mich auf eine Stelle, auf die Ihre Behauptung zutrifft, nicht besinnen. Vielmehr ist in ihr von Moses Hess bis auf (um ein naheliegendes Beispiel aus der heutigen Generation zu wählen) meine eigenen Schriften der Messianismus als die führende Idee des Judentums dargestellt worden. Noch einmal, Herr Geheimrat, wo und wann? Was der Zionismus bekämpft, das ist nicht die messianische Idee, sondern ihre Entstellung und Verzerrung, wie sie in einem beträchtlichen Teil der liberaljüdischen antizionistischen Literatur zu finden ist. Die Entstellung und Verzerrung, die unter Berufung auf den Messianismus die Zerstreuung, die Erniedrigung, die Heimlosigkeit des jüdischen Volkes als etwas absolut Wertvolles und Segensreiches