Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Begriffe und Wirklichkeit 285 „Nur wenn er [der Zionismus] grundsätzlich und ausnahmslos den jüdischen Staat erstrebt, hätte er ein Recht, von der jüdischen Nation und nicht, wie wir, von der jüdischen Nationalität zu sprechen/' Nehmen Sie das nicht zu genau, Herr Geheimrat? Kein anderer als Sie selbst schrieb eben erst (1913): „Nur der Lehren wegen sind und bleiben wir Nation" (Hermann Cohen, Das Gottesreich, im Sammelbuch „Soziale Ethik im Judentum", S. 124). Und doch haben Sie nicht grundsätzlich und ausnahmslos den jüdischen Staat erstrebt. Aber der Zionismus müßte es tun, wenn ihm der Gebrauch des Wortes Nation gestattet werden sollte. Warum müßte er das? Die Tatsache, daß der österreichische Staat in diesem Krieg seinen Zusammenhalt erwiesen hat, daß seine Nationalitäten ihre Streitigkeiten zurückgestellt haben, um gemeinsam für den sie umfassenden Staat gegen andere Staaten zu kämpfen, diese Tatsache, sagen Sie, habe gezeigt, daß die Terminologie verändert werden müsse: daß man die Staatsgemeinschaft, und sie allein, nunmehr als Nation anzusprechen habe. Ich vermag der angeführten Tatsache dieses Müssen nicht zu entnehmen. Vielmehr beweist sie mir nur, daß der Staat und die Staatsgemeinschaft — die ja zumeist auch eine Kulturgemeinschaft ist, so die österreichische trotz aller nationalen Differenzen eine Kulturgemeinschaft von eigentümlicher Art — eine große Macht über die Seelen der Menschen haben, unter Umständen eine größere als die Nation und die nationale Gemeinschaft. Aber ist deshalb die Staatsgemeinschaft —• nicht etwa eine bestimmte, besonders einheitliche, sondern die Staatsgemeinschaft an sich, und gar sie allein, eine Nation zu nennen? Österreich hat zusammengehalten — müssen deshalb die Völker Österreichs, und unter ihnen auch die Teile der deutschen Nation, der italienischen Nation, der polnischen Nation, die österreichische Kronländer bewohnen, samt und sonders zu Nationalitäten, ihre Gesamtheit aber zu einer Nation erklärt werden? Wenn Sie sagten, daß die Definition sich aus Ihrer Philosophie ergebe, würde ich das gewiß nicht zu bestreiten wagen —■ aber wie sie sich aus den Tatsachen ergeben soll, ist mir nicht ersichtlich. Und wenn zu irgend einer Zeit irgend ein anderer aus mehreren Nationen oder Nationalitäten zusammengesetzter Staat zerfiele, wie das ja in der Geschichte schon etliche Male vorgekommen ist, so würde auch daraus sich nichts anderes ergeben, als daß die Macht über die Seelen der Menschen, von der ich sprach, nicht immer und überall die gleiche ist, und daß es andere Umstände geben kann, unter denen sie geringer ist als die der nationalen Gemeinschaft. Wahrlich, es trägt nicht zur Klärung, sondern zur Trübung der Begriffe bei, "wenn man Nation und Staatsgemeinschaft als identisch behandelt. 4- Klärung der Begriffe — aber geht es hier um Begriffe? Kann man die jüdische Volksfrage durch eine Terminologie „erledigen"? Kann „die Natürlichkeit und Aufrichtigkeit eines Nationalgefühls" durch eine Definition erwiesen werden? Es gibt ethnische Gruppen in Europa, die vermeinen, sich einen breiteren Lebensanspruch zu erwerben, wenn sie beweisen, daß sie eine Nation und keine Nationalität seien: durch eine Definition. Es gibt andere Gruppen, die vermeinen, diesen Lebensanspruch aus der Welt zu schaffen, indem sie den Gegenbeweis führen: durch eine andere Definition. Wollen wir dieser Argumentationsweise mitten im Judentum p*atz schaffen?