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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 284

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Begriffe und Wirklichkeit
Date
1916-08-01
Page
284 (sequence 4)
Language
German
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284 Martin Buber: doch im Kern unwandelbar — daß die jüdische Religiosität, sage ich, eine Funktion, die oberste Funktion des mächtigen jüdischen Volkstums ist, eine Funktion, die ohne ihren Träger nicht, wie Sie meinen, sich bloß nicht fortpflanzen, nein, die ohne ihn nicht bestehen könnte: die aus seinem Blute lebendig, aus seinen Kräften stark, aus seinem Willen wirksam ist und die ohne seine Vitalität, ohne seine eifernde und duldende Gewalt keine Stätte auf Erden hätte. Es gilt für die Geschichte und für das Leben des Einzelnen: die Idee kann nicht realisiert werden, wenn nicht das Volkstum realisiert wird. Darauf aber, auf das Realisieren kommt es einzig an. Die Nationalität als bloße Naturtatsache ist eine Fiktion, wie das Menschentum als bloße Naturtatsache eine Fiktion ist; erst wenn wir sie als eine Wirklichkeit des Geistes und des Ethos anschauen, können wir sie auch in unserem eigenen Leben zur Wirklichkeit machen. 3- Ist die Nationalität aber keine Naturtatsache, sondern eine geistige Realität in Geschichte und persönlicher Aufgabe, dann kann zwischen ihr und der Nation wohl nur ein Unterschied des Grades — der Größe der selbständigen Kulturschöpfung, der Größe des geschichtlichen Lebens, der Größe des einheitlichen Willens usw. — nicht aber einer der Gattung sein, wie Sie behaupten. Diese Behauptung ist Ihnen siur dadurch ermöglicht, daß Sie, wie Sie den Begriff der Nationalität von seiner Entfaltung im Geistigen ablösten, so umgekehrt den der Nation von seiner Verwurzelung im Naturhaften ablösen; wie Sie den einen zu einer bloßen Naturtatsache machen, so den andern zu einer rein geschichtlichen Existenz: indem Sie die Nation erst durch den Staat „gestiftet" und „begründet" werden lassen. Es muß einer exakteren Erörterung, als sie in diesem Brief gegeben werden kann, vorbehalten bleiben, darzulegen, daß diese Ihre Terminologie weder durch die Sprachgeschichte, noch durch den gegenwärtigen Sprachgebrauch, noch auch durch die tatsächlichen Verhältnisse der Gegenwart legitimiert erscheint. Ich bin bereit, den Beweis dafür anzutreten. Hier will ich nur auf einen besonders wichtigen Punkt mit wenigen Worten eingehen. Nation und Staatsgemeinschaft sind für Sie schlechthin identische Begriffe. Die russische Nation deckt sich in Ihren Augen mit der russischen Staatsgemeinschaft, die türkische Nation mit der türkischen Staatsgemeinschaft usw. „Aber diese eine, durch den Staat definierte Nation kann viele Nationalitäten in sich vereinigen/: Es ist also die Nation, deren Teile die Nationalitäten sind. Wie steht es nun um die Nationalitäten, die sich von den herrschenden Nationen ihrer Staaten unterdrückt wissen oder wähnen? Nun, alle diese Nationalitätsfragen werden nunmehr auf die einfachste Art gelöst, ja aus der Welt geschafft, nämlich durch die terminologische Methode. Diese Nationalität da, die sich beschwert»— sie ist doch ein Teil der Nation, über die sie sich beschwert, denn diese herrschende Nation ist ja mit der Nation ihres Staates identisch (oder nicht? dann gäbe es also eine russische Nation, die Staatsnation, und eine russische — Nationalität, die herrschende): wie könnte sie von ihr unterdrückt werden, von dem Organismus, dem sie angehört? Alle Leiden der Nationalitäten wären somit eingebildete Leiden und deren Heilung eine Aufgabe der Lehre von den richtigen Begriffen. Verzeihen Sie, verehrter Herr Geheimrat, den scherzhaften Ton in einer so ernsten Sache, Ich glaubte Ihnen so am besten vorführen zu können, welche Paradoxien die folgerichtige Anwendung Ihrer Terminologie erzeugt.

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