Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105797--0419-3105830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Begriffe und Wirklichkeit 283 nicht beim Bund über dem FünftierOpfer, nicht beim Bund auf dem Berge Morija und nicht beim Bund zu Beth-El — dieses Prinzip des Bundes wäre nicht in der Geschichte wirkender Gotteswille und Gottessinn, sondern eine Naturtatsache? Aber Sie selber halten im Fortgang Ihrer Ausführungen diese Definition nicht aufrecht oder setzen sich in Widerspruch zu ihr. Sie sagen: „Die Nationalität hat freilich ein Moment, durch dessen Stärkung der Zionismus sich scheinbar ein Verdienst erwirbt: die hebräische Sprache." Sehen wir vorerst von der Frage des „scheinbaren" Verdienstes ab —- unmißverständlich erklären Sie an dieser Stelle die hebräische Sprache als ein Moment der jüdischen Nationalität. Ist das immer noch die Naturtatsache, die bloße Abstammung, das „anthropologische Mittel" — diese Nationalität, zu deren Momenten eine Sprache gehört? Wird auch die Sprache mit der Geburt besessen? Und gar diese Sprache, die ihr Fortleben — mit Ausnahme ihrer beginnenden Erneuerung in Palästina — nicht der „natürlichen*' Aneignung des Kindes, sondern dem bewußten, gegen die Naturtatsache des Umgebungseinflusses sich durchsetzenden nationalen Willen der ausharrenden Generationen zu verdanken hat! Nein, Herr Geheimrat, mit dem Begriff der Naturtatsache ist die Nationalität nicht zu definieren. Sie ist eine geschichtliche Wirklichkeit und eine sittliche Aufgabe, Gewiß hat auch sie ihre Wurzeln im Naturhaften. Aber auch unser Menschentum hat seine Wurzeln im Naturhaften, und doch kann es uns in dessen Grenzen sein Wesen nicht erschließen, sondern erst im Geisteskampf der Menschheit, in dem unendlichen Streben, die Idee des Menschen zu erfüllen. Und nicht anders ist es mit der Liebe, mit der Kunst, mit der Erkenntnis. Sie alle haben ihre Wurzeln in Naturtatsachen, aber wir können ihres Sinnes nicht innewerden, ehe wir zum Woher das Wohin tun, zum Ursprung das Ziel, zur Einsicht, woraus sie geworden sind, diese andere, was aus ihnen werden soll, zu dem, was uns gegeben ist, das, was uns aufgegeben ist, zur Natur den Geist. Eine Wirklichkeit des Geistes und des Ethos ist die Nationalität, und in doppeltem Sinn. Eine Wirklichkeit des Geistes und des Ethos in der Geschichte, da sie ihrer Idee dient nicht als das anthropologische Mittel zu deren Fortpflanzung, sondern als ihrer Idee Träger und Leiblichkeit, der Idee immer wieder und immer neu und anders sich bemächtigend, sie tausendfach wandelnd und in aller Wandlung rein bewahrend, sie und sich mit ihr tausendfach verlierend und sie und sich mit ihr aus aller Verlorenheit in heiliger Kraft wiederfindend, wiedererringend, wiedergebärend — dies der eine Sinn der Nationalität. Und der andere: all dies in unser persönliches Leben verpflanzt, in eines jeden von uns, in Ihr, in mein persönliches Leben als Schicksal und Aufgabe verpflanzt, all dies — auf daß wir werden was wir sind, und als Prüfung, und als Reinigung, und als Auslese; wie jene Terebinthe des Jesaja, von der ein Wurzelstock geblieben ist: „heiliger Same ist ihr Wurzelstock". Nie, verehrter Herr Geheimrat, hat der Zionismus, wie Sie behaupten, Religion und Nationalität gleichgesetzt; aber nie auch wird er das Volkstum zu einem anthropologischen Mittel für die Fortpflanzung der Religion verkleinern lassen. Sondern auch jeder Zionist, für den wie für mich die Religiosität im Zentrum des Judentums steht, wird wie ich wissen und bekennen: daß die jüdische Religiosität — wohlgemerkt, ich meine nicht eine Erscheinungsform und nicht eine Auffassung der Religion, sondern die ganze unendliche Religiosität des Judentums, die undefinierbar, unbegrenzbar, über Glaubenssätze und Sittenlehren dahinflutend, sie alle umschließt und von keinem umschlossen werden kann, wandlungsmächtig und 20*