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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 282

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Begriffe und Wirklichkeit
Date
1916-08-01
Page
282 (sequence 2)
Language
German
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282 Martin Buber: gefühls der eine Heimstätte bereits besitzenden Juden, sondern auch einer Zweideutigkeit schuldig, die für Sie „den ganzen Zionismus zu einer schier unbegreiflichen Unwahrhaftigkeit macht". Ohne Wahrhaftigkeit aber gebe es keine „richtig orientierte" Religiosität. Und in der Tat: wie die Zionisten durch ihren Pantheismus der jüdischen Religion widersprächen, so ergehe sich die zionistische Literatur, auch in Schriften deutscher Rabbiner, in frivoler Verhöhnung der höchsten Idee der jüdischen Religiosität, der Idee der messianischen Menschheit. Diesem Zionismus, der das allgemeine Vorurteil der Christen gegen uns, daß wir keine Religiosität hätten, bestätige, müsse entgegengehalten werden, daß wir „in irgend einer Naturtatsache, wie der der nationalen Abstammung," nicht „den eigentlichen und einzigen Halt für unser Selbstbewußtsein" suchen könnten. „Wer mit der ganzen Glut des Herzens, mit Zittern und Beben sein Schema Jisrael betet, der, und er allein, befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist und Seele." Von diesem Gesichtspunkt aus sei auch die zionistische Forderung einer Wiederbelebung der hebräischen Sprache zu betrachten; wohl sei es unsere Pflicht, die hebräische Sprache, zu pflegen, aber nicht als eine profane Umgangssprache, sondern als die Sprache unseres Gebetes; so viel Hebräisch müsse demgemäß (so präzisieren Sie Ihre Forderung) jeder gebildete Jude sich anzueignen bestreben, als zum Verständnis der wichtigsten Gebete erforderlich ist. Durch solche Befestigung und Vertiefung ihres Verhältnisses zum Judentum würden die deutschen Juden, so meinen Sie, den Zionismus überwinden. Ich kann heute nur auf jene Punkte Ihres Briefes eingehen, die mir besonders wichtig scheinen, und auch auf sie nicht mit der wünschenswerten Ausführlichkeit. 2. „Wenn nun der Zionismus Religion und Nationalität gleichsetzt, so erheben wir zunächst den Einspruch, daß wir Nichtzionisten keineswegs die Religion außer Verbindung setzen mit der Nationalität." Wir Nichtzionisten! Glauben Sie wirklich, im Namen der Nichtzionisten diese Erklärung abgeben zu können? Oder auch nur im Namen der liberalen Juden, als deren Sprecher Sie, und gewiß mit Recht, wenige Sätze vorher auftreten? Seit einem Jahrhundert und länger betonen die mehr oder minder liberalen Juden in allen Zungen und Tonarten, es gebe überhaupt keine jüdische Nationalität, oder, wie Moritz Lazarus, ein akkreditierter Vertreter, offenbar in Verallgemeinerung der Ergebnisse seiner Selbstbetrachtung es formulierte: „Die Juden haben keine eigene Nationalität mehr; es gibt schlechterdings keinen Juden mehr, der nur noch einen jüdischen Geist hat." Sie aber, Herr Geheimrat, sprechen, als sei die Anerkennung der jüdischen Nationalität ein integrierender Bestandteil der nichtzionistischen, insbesondere der liberal-jüdischen Lebensanschauung, und verargen es dem Zionismus, daß er diesen Bestandteil nun einmal nicht wahrzunehmen vermag. Allerdings betonen Sie, daß Sie in der Nationalität, die wir als eine historische Kategorie aufzufassen gewohnt sind, nur eine „Naturtatsache" sehen; und in der Tat gebrauchen Sie auch sonst in Ihren Schriften die Termini „Nationalität" und „Stamm" oder „Abstammung" als Synonyma. Aber wie vermögen Sie, von Ihrem Standpunkt des strengen altjüdischen Monotheismus,' die Abstammung als eine „Naturtatsache" zu behandeln? Das jüdische Urwort „Samen", das nirgends fehlt wo Gott mit Abraham und Abrahams Geschlecht seinen Bund schließt und erneuert,

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