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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 434

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Das Judentum in Ostasien
Date
1920-01-01
Page
434 (sequence 3)
Language
German
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434 Umschau: Das Judentum in Ostasien die europäischen Juden, die in Shanghai leben, an die Juden Kai-funk-fus einen Brief, worin sie Hilfe versprachen und um Absendung einer Deputation nach Shanghai baten. An deren Stelle kam ein einzelner Jude, Li-King-Schen, mit seinem Sohne Ling-Tun-Mo-Tan und verlebte das Pessachfest unter den Shanghaier Juden. Doch auch dieser Versuch einer Wiederbelebung führte zu keinem Ergebnis. Vielversprechender dagegen ist das jüdische Leben, das sich in Shanghai und Hongkong entwickelt. In Hongkong besteht ein schöner jüdischer Klub und eine Synagoge, doch ist die einst blühende Gemeinde arabo-englischer Juden, die einst dort bestanden hat, durch Auswanderung im Schwinden begriffen. Dafür beginnt Shanghai sich zu einem erstklassigen Zentrum im Osten zu entwickeln. Die jüdische Bevölkerung dort besteht aus zwei völlig getrennt voneinander lebenden Gemeinden. Die ältere ist die sephardische. Diese Juden wurden vor ungefähr 25 Jahren von der Alliance Israelite Universelle aus Bagdad nach Shanghai wie auch nach Hongkong, Singapur und anderen ostasiatischen Häfen verpflanzt. Sie sind hier zu großem Wohlstand gelangt, teilweise vielfache Millionäre geworden. Die ältere Generation kennt noch die arabische Sprache, die jüngere Generation ist vollständig assimiliert und setzt ihren Ehrgeiz darein, sich in nichts von der englischen Sportjugend zu unterscheiden. Diese Sephardim hegen für ihre aschkenasischen Mitbrüder meist nur das Gefühl der Verachtung der höheren sozialen Klasse der ärmeren gegenüber, während letztere, die aus dem russischen Ansiedlungsrayon gekommen sind, mit der Verachtung des Strenggläubigen auf die Pseudojuden herabschauen. Dazu kommt noch die Unmöglichkeit einer Verständigung: die sephardischen Juden pflegen das Englische als ihre Umgangssprache, die russischen Juden jiddisch und russisch. Die russisch-jüdische Kolonie hat, wie die russische Kolonie in Shanghai überhaupt, die heute sogar ein täglich erscheinendes Blatt in russischer Sprache herausgibt, während des Krieges eine große Verstärkung erhalten. Wie nach Japan, so haben auch nach Shanghai Krieg, Bolschewismus und Reaktion zahlreiche Juden getrieben, wobei aber Shanghai als ein internationaler, keine Einfahrtsvisa erfordernder Punkt viel erstrebenswerter erschien, als die scharfe Paßkontrolle der japanischen Behörden. Einige von diesen Juden sind durch das in diesem Welthafen so leicht mögliche Im- und Exportgeschäft zu einem gewissen Wohlstand gelangt. Der weitaus größere Teil aber lebt als Handwerker und als Angestellte in bescheidenen Verhältnissen, ein Teil ist ganz auf die öffentliche Wohltätißkeit angewiesen. In diesem Punkte ist es in Shanghai vielleicht besser als in Europa, weil hier aus Rassenhochmut das Solidaritätsgefühl der Weißen stärker entwickelt ist. Freilich herrscht hier auch das Bestreben, die „kompromittierenden" Immigranten möglichst bald wieder abzuschieben. Jede dieser Gemeinden besitzt ihre eigene Synagoge, kleinere, unansehnliche Gebäude, von denen auch die sephardische nicht an den Prunk westeuropäischer Tempel erinnert. In dsr Nähe der Synagoge besitzen die Sephardim auch eine eigene jüdische Schule, deren Unterrichtssprache aber englisch ist — wenn ich mich recht erinnere, ist auch der Schulleiter ein christlicher Engländer — und wo sich der jüdische Unterricht auf nicht viel mehr als das in unseren Schulen übliche System des Religionsunterrichtes beschränkt. Jetzt wird es unter dem Einfluß eines jungen russischen Juden, der es versucht, Interesse für Hebräisch und jüdische Geschichte unter den Kindern zu wecken, in dieser Beziehung etwas besser, aber die ganze Schule und ihr Betrieb macht einen unerfreulichen Eindruck auf den Besucher. Diese Schule wird von den ärmeren sephardischen Kreisen und von einem Teil der aschkenasischen Kinder besucht. Der andere Teil sowohl der sephardischen als auch der aschkenasischen Kinder wächst ohne jede jüdische Bildung in englischen Schulen heran. Ein reges jüdisches Leben gibt es in Shanghai nicht. Vor allem fehlt dazu eine einheitliche, moderne, organisatorische Zusammenfassung, deren Ziele etwas weiter wären als bloße Philanthropie. Es besteht seit alters her eine zionistische Vereinigung unter den sephardischen Juden. Doch ist infolge der allgemeinen Apathie dieser Kreise allen jüdischen Fragen gegenüber ihre Tätigkeit nur eine sehr geringe. Sie gab vor Jahren regelmäßig ein Organ in englischer Sprache heraus, „Israels Messenger", das dann für einige Jahre überhaupt nicht erschien und nun in starken, äußerlich glänzend ausgestatteten Heften anläßlich hoher Festtage oder bedeutender Ereignisse erscheint. Im Inhalt erinnert es an die großen, allgemein jüdischen amerikanischen Provinzzeitungen. Das Verdienst der Herausgabe wie überhaupt aller noch unter den sephardischen Juden geleisteten zionistischen Arbeit gebührt Herrn Esra. In diesen Monaten dürfte der neu zu errichtende Jüdische Klub der Sephardim, den ich nur im Rohzustand besichtigen konnte, zu Ende gebaut werden. Es ist dies ein schönes zweistöckiges Gebäude mit einem großen Versammlungssaal, Bibliothek und Lesezimmern, nach Art der europäischen Kolonialklubs elegant und mit großem Kostenaufwand gebaut. Leider wird daraus ein oligarchischer Klub werden

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