Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Das Judentum in Ostasien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 433 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau: Das Judentum in Ostasien 433 Japan 1905 verstorben sind, begraben sind. Einige von ihnen aber haben sich so an das Japanertum assimiliert, daß japanisch ihre tägliche Umgangssprache geworden ist und sie keinerlei Zusammenhang mit dem Judentum mehr empfinden. Ihrem Beruf nach sind sie meist Schneider und Schuster, und da der männliche Teil der japanischen Bevölkerung immer mehr zur europäischen Tracht übergeht, finden sie ein auskömmliches Dasein. Jünger ist die jüdische Kolonie in Yokohama. Sie besteht aus zweierlei Elementen: aus Juden, die während des Weltkrieges oder infolge der Revolution oder der Reaktion in Sibirien unter Koltschak nach Amerika fahren wollten, zum größten Teil zu ihren Verwandten, und infolge Geldmangel oder Paßschwierigkeiten die Reise nicht fortsetzen konnten, und aus Elementen, die, aus Amerika zurückkehrend, infolge der Reaktion in Sibirien oder infolge der deutschen Besetzung der westrussischen Provinzen nicht dorthin gelangen konnten, und zweitens aus meist wohlhabenden Juden, die auf der Flucht vor den Bolschewiki oder vor der sibirischen Reaktion in Yokohama eine Zuflucht für wenige Jahre gesucht haben. Aus diesen Gründen ist die jüdische Bevölkerung in Yokohama meist fluktuierend. Es besteht wenig Zusammenhang zwischen den Einzelnen, an eine organisatorische Zusammenfassung ist man noch nicht geschritten, obwohl einzelne Kreise davon sprechen — sie scheitert zum Teil auch an der Teilnahmslosigkeit der länger dort ansässigen anglo-amerikanischen Juden —, so daß die Yokohamer Juden heute weder Schochet noch Synagoge besitzen. Nur für die hohen Feiertage kommt man in dem Zentrum des embryonalen jüdischen Lebens zusammen: in dem jüdischen Emigrantenheim, das das amerikanische Hilfskomitee für die jüdischen Einwanderer nach Amerika errichtet bat. Es ist dies ein ehemaliges Hotel im Zentrum des Europäerviertels, ein großes, stattliches Gebäude, wo die Emigranten für die Zeit ihres Aufenthaltes in Japan Wohnung und volle Verpflegung erhalten und wo ihnen auch bei der Paßbeschaffung an die Hand gegangen wird. Das Institut trägt rein philanthropischen und anationalen Charakter, wirkt aber als einzige jüdische Institution Yokohamas unzweifelhaft in jüdisch nationalem Sinne. Noch vor einem Jahre beherbergte es oft bis 500 und mehr Emigranten; derzeit ist ihre Zahl sehr klein, und mit der Besetzung Sibiriens durch die Bolschewiki und später mit Eröffnung des Weges über den Westen wird es ganz überflüssig werden. In Yokohama, der größten Europäerkolonie Japans, beträgt die Zahl der Europäer ungefähr 8000, von denen 1000 Juden sein dürften. Sie ernähren sich meistens vom Handel, Import- und Exportgeschäft und vom Bankgeschäft. Sie alle betrachten den Aufenthalt in Japan nur als einen vorübergehenden. Ähnliches, nur in verkleinertem Maßstabe, findet sich auch in Japans zweiter Hafenstadt, in Kobe. Doch sind dort einige junge, rührige Zionisten aus Rußland daran gegangen, eine kleine zionistische Gruppe zu schaffen, die in Zusammenkünften und Diskussionen den ersten Versuch bildet, in Japan jüdisch national zu wirken. Doch hindert auch hier das Bewußtsein des sich nur vorübergehend als Gast-im- Lande-fühlens. II. Zum Unterschiede von Japan gibt es in China nachgewiesen alte Judenkolonien, über die schon wiederholt geschrieben wurde und von denen hier nur das Wichtigste mitgeteilt sei. Die ersten Nachrichten von ihnen üb erbrachten jene Jesuiten- Missionäre, die im 17. Jahrhundert ganz China bereisten. Schon im Jahre 1613 berichtet Pater Aleni über eine jüdische Gemeinde in Kai-funkfu und 1704 überlieferte uns ein anderer Missionär eine genaue Beschreibung ihres Lebens und ihrer Sitten und den Text eines Gedenksteines aus dem Jahre 1489, der eine Genealogie der Juden bis auf Moses mitteilt, dann die Gesetzesvorschriften bezüglich Fest- und Fasttagen und schließt folgendermaßen: 70 jüdische Familien kamen aus dem Osten zum Kaiser Song mit verschiedenen Geschenken. Er sagte: Siedelt euch in China an und folget den Sitten euerer Vorväter. — Die Geschichte erinnert insbesondere in der 70-Zahl der Familien stark an die Ankunft Jakobs in Ägypten. — Noch zwei andere Aufschriften wurden gefunden, eine aus dem Jahre 1512, die andere aus dem Jahre 1633, die insbesondere dadurch interessant ist, daß sie die Behauptung enthält, daß die Thora nichts enthalte, was im Gegensatz zu den kanonischen Büchern der Chinesen steht, — welche Ähnlichkeit der Entwicklung! Unsere apologetischen Rabbiner zu Beginn der Aufklärung. — Die religiösen Sitten dieser Juden, deren Zentrum Kai-funk-fu war, unterschieden sich nicht wesentlich von denen der übrigen Juden. Besonders feierlich war bei ihnen, wohl ein orientalischer Einschlag, die Begehung des Neumondfestes. Berichte aus dem 19. Jahrhundert melden, daß die Gemeinde damals schon im Zustand des vollständigen Verfalles war. Ihre ökonomische und geistige Stufe war weit unter der des 16. Jahrhunderts, die Synagoge zerstört und die Kenntnis jüdischer Sitten fast vernichtet. In ihrer Lebensweise sind diese Juden, die zahlreich Mischehen eingegangen sind, völlig an die Chinesen assimiliert und sind zweifellos dem völligen Untergange geweiht. Im Jahre 1901 sandten