Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Das Judentum in Ostasien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 435 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Philosophie 435 da er nur für seine Mitglieder offen ist und der Mitgliedsbeitrag sehr hoch ist. Im Falle daß dieser Klub allgemein zugänglich würde, könnte er für das jüdische Leben Shanghais ungeheure Bedeutung gewinnen. Die russischen Juden in Shanghai entbehrten bisher jeder Organisation. Erst das Mitglied des Zentralkomitees der sibirischen zionistischen Organisation Schima Bregel hat anläßlich ihrer Anwesenheit im März 1919 eine russisch-zionistische Vereinigung unter dem Namen „Palästina-Gesellschaft Kadimah in China" gegründet. Diese Gesellschaft hatte als ersten Zweck die Verständigung zwischen Sibirien und den jüdischen Zentren in London und Amerika durchzuführen, andererseits kulturelle Arbeit zu leisten und durch diese bei den Shanghaier Juden Interesse für das Judentum zu wecken. Es wurden auch einige Vorträge veranstaltet, z. B. ein größerer Chanukah-Abend, und Kurse eingerichtet, doch krankt das Ganze an dem Mangel einer führenden Persönlichkeit. Doch sind gerade in diesem Kreise einige jüdisch hochgebildete und der Sache des Judentums mit ganzem Herzen ergebene Personen, und sollte es gelingen, ihnen die Geldmittel der sephardischen Gemeinde und die Bequemlichkeiten des sephardischen Klubs zur Verfügung zu stellen und eine Einigung zwischen den beiden Gruppen zu erzielen — die schon an sprachlichen Schwierigkeiten ihr Hindernis findet —, dürfte Shanghai in kurzer Zeit ein Zentrum werden, von dem jüdisches Leben in alle anderen Punkte Ost- und Südasiens ausstrahlen könnte. Jochanan FORSCHUNG UND ERKENNTNIS PHILOSOPHIE Probleme des Judentums So lautet der Titel eines jüngst (bei R. Löwit) erschienenen Buches von Raphael Seligmann; es ist eine Sammlung von Essays, welche — äußerlich betrachtet — verschiedenen Inhalt und verschiedene Anlage zeigen, genauer gesehen aber Variationen über ein Thema sind: Das jüdische Ethos der Persönlichkeit. Seligmann spricht über Spinoza und Schopenhauer, über Cohen und Bergson, er behandelt moralische und ästhetische Fragen, er setzt sich mit den Problemen der Emanzipation und der Galuth auseinander, er phantasiert über die Madonna und die Schechinah, über Christus und Messias; aber alle diese Themen laufen in einem Hafen ein. Aus nahen und entlegenen Quellen schöpfend, gelangt Seligmann, immer neu überzeugend, zu einer Philosophie des Judentums, in deren Mittelpunkt ein Begriff der Freiheit steht, den er, trotz der allgemeinen Anlehnung an Bergson, durch manchen kritischen Gedanken und manche neue Überlegung in eigener Weise begründet und aufbaut Das Judentum hat zuerst das Eigenrecht der Ethik, die Überlegenheit des sittlichen Sollens über dem faktischen Sein statuiert; es hat die Vorstellung von einem „menschlichen Willen geschaffen, der eine Welt für sich mit seiner eigenen Gesetzlichkeit bildet, und in dem die Gewalt der äußeren Natur ihre Grenze findet"; das Judentum hat erkannt, daß Natur und sittlicher Wille ganz und gar nicht gleichgerichtet sind; und diese Erkenntnis des Zwiespalts zwischen Natur und Wille schafft eine Tragik, tiefer, bedeutender und lebendiger als alle Tragik der Griechen und der übrigen antiken Völker, Dadurch, daß das Judentum zum erstenma „eine scharfe Grenze zwischen dem blinden Instinkt und dem sehenden Willen zeigt", hat es erst die Möglichkeit einer selbständigen, sinnvollen Ethik der Persönlichkeit geschaffen. Das Judentum hat dem ergebenen, hinnehmenden Grundzug, der in aller antiken Tragik, aber auch im alt-indischen Pessimismus — und später auch in der christlichen Erlösungslehre steckt — den heroischen Ton des freien Protestes, hat der idyllischen eine dramatische Sittlichkeit entgegengestellt. Das ist übrigens auch, wie Seligmann sehr fein begründet, der Unterschied zwischen dem Pessimismus Schopenhauers und dem alt-indischen Pessimismus, und in diesem Sinne steht Schopenhauer trotz seiner Liebe zur indischen Religion und trotz seines Antisemitismus dem Judentum überraschend nahe, viel näher etwa als der Jude Spinoza. „Unter allen Denkern jüdischer Abstammung", sagt Seligmann, „gibt es vielleicht keinen einzigen, der in einem solchen Maße dem Judentum fremd geblieben wäre, wie es bei Spinoza der Fall ist. Vom ethischen Pathos, das den Juden im Blute steckt, ist in Spinozas Denken keine noch so schwache Spur zu entdecken." — Dieser heroische Grundzug der jüdischen Religion verleiht der aus ihr fließenden Ethik die große Tiefe, die fruchtbare Unruhe, die Spannung des Wagnisses, man könnte modern sagen: die schöpferische Absurdität. Indem sie die Persönlichkeit aus der Universalität des Seins heraushebt, macht sie sie erst frei und stellt sie in die große Konfrontation mit Gott. So muß die kritische Frage aller Freiheitsreligionen, der Widerstreit zwischen dieser Freiheit und Gottes Allmacht, in ihrer ganzen verhängnisvollen Schwere aufbrechen. Seligmann geht diesem Problem bei den Schöpfern der jüdischen