Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Opposition
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Umschau: Politik Verhandlungen. Wer den Mund im sozialistischen Gegenwartsstaate nicht hält, dem wird er gestopft. Und bei uns, dem angeblich von Huropa gar nicht infizierten Volke des Orients, ist es genau wie bei den andern. Wir unterlagen derselben Entwicklung und der Geist unserer politischen Öffentlichkeit hat die gleiche Wandlung zur undisziplinierten Geistlosigkeit durchgemacht. Opposition ist wohl die Energie, welche die träge Materie der entgegengesetzten Pole mit der Kraft lädt, aus deren Spannung dann der Funke des Geistes und der schöpferischen Tat schlägt. Der Krakeel von heute abend und der zwei letzten Jahre ist aber keine Opposition; hat dich je bei der Berührung mit ihm auch nur ein Fünkchen lebendiger Kraft durchzuckt? Ist es dann noch zu verwundern, wenn die Leitung diktatorisch wird, vielleicht nicht einmal so sehr aus eigenem Wollen, als einfach aus Not; weil dies das einzige Mittel gegen dauernde kleinliche Hemmungen, unausgesetztes leeres Geschwätz und gedankenlose Kritik scheint? (Es ist eine psychologische Erfahrung, daß andauernde und geringfügigere Schmerzen einen Menschen rascher erschöpfen und in seiner Verzweiflung zu unsinnig gewaltsamen Mitteln treiben, als eine große Verletzung. Ich will nicht unhöflich sein, aber ich denke da auch an Insektenstiche.) Das unmittelbare Unglück sind wohl diese von dir so warm geschilderten Querulanten, das tiefere aber ist der Mangel an wirklichen Gegnern für unsere Führer (ich meine auch unter diesen nur die wirklichen), die ihnen sachlich und persönlich gleichwertig sind. Ich möchte fast glauben, daß die Führer selbst sich solche Gegner wünschen; nicht nur weil sie besser sind als die Schreier und naserümpfenden Überlegenheitsapostel von heute, sondern weil sie sich sagen müssen, daß auch sie und ihre Arbeit mit größeren Gegnern wachsen müssen. Die zionistische Organisation hat das ja im Kampf nach außen nicht nur einmal erfahren. — Warum aber dieser Mangel einer wirklichen Opposition? Fehlt es uns an Menschen, an — in menschlichem Sinne — großen Persönlichkeiten, die, mögen sie bisher auch noch unbekannt sein, die Berufung zum Führertum in sich tragen? Ich kann es nicht glauben, ohne den Glauben an die Kraft der nicht nur die besten Herzen gewinnenden, sondern auch die schlechten verwandelnden * zionistischen Idee zu verlieren. Die Ursache ist eine andere. Der Zionismus, der selbst aufgehört hat, Partei im früheren Sinne zu sein, hat nicht mehr die Parteien in sich gebildet (oder den schon bestehenden eine neue Einstellung gegeben), die die Fähigkeit und die Verantwortung zur Übernahme der Leitung oder der Opposition haben. Die vorhandenen Parteien können es nicht. Und so verschwinden unter den vielen Einzelnen, die sich parteimäßig überhaupt nicht oder nur ganz peripherisch gebunden haben, auch diejenigen, die in ihrer Isolierung zu schwach zu wirklicher Opposition sind und denen es zu neuen Parteibildungen zwar selbst nicht an Kraft, aber bei der gegenwärtigen Geistesverfassung der Mehrzahl, die Geschrei, doktrinäre Prinzipienreiterei und betriebsames Gezänk für Opposition hält, an Lust gebricht. — Daß es keine wirkliche Opposition gibt, hat die Londoner Jahreskonferenz deutlich . erwiesen. Die sogenannte Linke ist dort nicht zusammengebrochen, sondern ganz einfach zusammengeknickt. Anstatt politisch zu denken und zu handeln, d. h. sich auf die heute im Zionismus (wenn sie wollte, auch im amerikanischen) einzig maßgebende Leitung einen entsprechenden Einfluß zu sichern, hat sie sich in ihrem doktrinären Kampfeseifer hauptsächlich mit Resolutionen über die Nationalisierung des Bodens beschäftigt, die unverkennbar vorwiegend demagogischen Wert hatten. Ja es spielte sich sogar das groteske Schauspiel ab, daß die Linksparteien aus »taktischen Gründen' die Kandidatur eines von ihnen scharf bekämpften Gegners in die Leitung unterstützten. Ihrer ganzen Struktur nach sind die heute vor allem als oppositionelle Kristallisationspunkte in Betracht kommenden Parteien für diese Aufgabe ungeeignet. Die ,Poale Zion1, die trotz des unlösbaren Widerspruchs zwischen ihrem materialistischen Marxismus und dem unmöglich materialistisch zu erklärenden Zionismus zu großen Erwartungen Anlaß gaben, sind durch den Kampf um den Kommunismus in ihrer Partei vollständig lahmgelegt worden. Der Kampf dürfte auch jetzt, nach der Spaltung, nicht aufhören; er steckt in nuce in ihrem Programm und ist einfach der Konflikt zwischen konsequentem Marxismus und konsequentem Zionismus. Der ,Hapoel Hazair', in Palästina bisher eine wenig politische, durch tiefe und edle, vor allem seelische und geistige Grundstimmungen verbundene Gruppe, ist infolge der Schaffung einer Diasporaorganisation, die mit seiner ursprünglichen Bestimmung so gut wie nichts zu tun hat, und seiner Vereinigung mit den ,Zeire Zion* ein monströses Kompromiß geworden. Daß sich ein Zionist im Galuth gegen Entrichtung eines Mitgliedsbeitrags »junger Arbeiter1 nennen darf, auch wenn er weder mit Jugend noch mit Arbeit etwas zu tun hat, entbehrt nicht der Ironie. Und wie über der Koppelung der europäisch-sozialistischen und der palästinensisch-nationalen Grundsätze in ein im übrigen damit auch nicht klarer gewordenes Programm die ursprünglichen Ideen