Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 423

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Opposition
Date
1920-01-01
Page
423 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101170-3105700--4306-3105773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Umschau: Zionismus und nationale Bewegung 423 des Pioniertums und des Opfers in Theorie und Praxis der neuen Partei verloren gingen, ist nicht ohne Schmerz für den Betrachter. Eine andere, in Entschiedenheit des Wüllens stärkere, im Programm klarere, bewußtere und aufrichtigere, in ihren Forderungen weitblickendere und in ihrer Selbstprüfung und -Wertung strengere Partei existiert aber bisher im Zionismus nicht. Und ein Unglück ist es, daß andere, die ebenso empfinden wie ich, nicht allein bleiben und schweigend warten, schweigend weiterarbeiten wollen, daß sie vielmehr das Gefühl der Einsamkeit, jenes ebenso schmerzliche wie fruchtbare Gefühl, so unbedenklich beschwichtigen durch den Anschluß an eine Verlegenheitspartei. Verstehst du jetzt, warum ich weder für deinen Antrag, daß die Ortsgruppen arbeiten mögen, noch für das Mißtrauensvotum stimmte? Beide sind leere Gesten, und für Gesten ist die Zeit jetzt zu kostbar. Ich schweige lieber. Einmal, vielleicht bald, vielleicht später, kommt ja doch die Zeit, da ich, da wir werden wieder reden können. Und schließlich kommt es gar nicht aufs Reden, auch nicht auf das Reden vom Tun, sondern nur auf das Tun selbst an." L. erwiderte nichts. So gingen sie schweigend das letzte Stück des Weges. Siegmund Kaznelson ZIONISMUS UND NATIONALE BEWEGUNG Es gehört zum Fürchterlichsten dieser fürchterlichen Zeit, daß ihre Entsetzlichkeiten ein Maß erreicht haben, das jeden moralischen Protest nahezu sinnlos macht. Es gibt ein Maß des Bösen, das sich jedem moralischen Verdammungsspruch entzieht und in der Tiefe seiner Bosheit aller moralischen Verurteilung spottet. Es ist sinnlos, gegen die Vernichtung von Menschenleben zu protestieren, wenn über 2 Millionen Menschen hingeschlachtet werden. Es ist sinnlos, gegen ökonomische Ungleichheit und Ausbeutung zu protestieren, wenn Millionen Menschen elend verhungern und kleine Gruppen in unerhörtem Reichtum schwelgen. Es ist sinnlos, gegen Brutalität zu protestieren, wenn täglich Hunderte und Tausende (im Osten) gemordet werden. Hier kann man nicht mehr protestieren. Jede Geste der Verdammung wird klein und lächerlich fast angesichts der Furchtbarkeit solcher Geschehnisse; man kann sie höchstens still, in schlichten Worten konstatieren, man kann sie registrieren und eine neue Seite im Schuldkonto unserer Zeit füllen; und auch dies hat wenig Sinn nur; das Maß der Schuld unserer Zeit ist schon seit langem übervoll. Es hat darum keinen Sinn, gegen das Fürchterliche, das seit Jahr und Tag dem östlichen Judentum angetan wird, Protest zu erheben. Wenn, wie in früheren Jahren, in einer Stadt, in zwei, drei Städten einige hundert Juden ermordet, einige tausend jüdischer Häuser geplündert werden, kann man protestieren; wenn aber allmonatlich Tausende und Abertausende von Juden geschlachtet, allmonatlich Tausende und Abertausende jüdischer Frauen und Mädchen geschändet werden, wo wäre da der Prophet, der fähig wäre, dagegen seinen Protest zu erheben und über die Mörder, die solches tun, über die Generation, die solches geschehen läßt, seinen Fluch zu schleudern, der an Wucht dem Maße dieser Fürchterlichkeäten irgendwie adäquat wäre. Begnügen wir uns damit, auf das, was hier geschieht, hinzuweisen. Denn das ist beinahe das Schrecklichste an alledem: das gesamte südrussische Judentum, wird vernichtet, langsam und in qualvollen Martern vernichtet, ausgerottet, hingeschlachtet, und die Mitwelt schweigt nicht nur, duldet es nicht nur, sie weiß garnichts davon. Während hier geschoben und geschleichhandelt wird, während Konferenzen und internationale Besprechungen stattfinden, werden in Südrußland Tausende von Juden ermordet, und keine Zeitung weiß davon zu melden. Jeder Börsenkurs wird dreimal täglich in den Blättern gedruckt, aber von der Ausrottung Tausender Juden zu berichten, dazu fehlt es an Raum. Ein tödliches Schweigen verhüllt das Unausdenkbare, das dor vor sich geht. Telegraphendrähte sind um die* ganze Welt gezogen; aber der Untergang des ukrainischen Judentums vollzieht sich, ohne daß irgend ein Telegramm davon Kunde bringt. Der Untergang l das Wort sei voll genommen, ohne Abzug und Minderung. Kein Bild wird hier gebraucht, keine Steigerung soll hier versucht werden. Das Wort ist wörtlich zu verstehen. Der Untergang des ukrainischen Judentums, nicht ein langsamer, ökonomischer oder soziologischer Prozeß ist gemeint; nicht eine allmähliche Auflösung, sondern eine regelrechte Vernichtung, die Ausrottung, die Ausschiachtung. Jeden Tag werden Juden und Jüdinnen gemordet, jeder Monat fordert Tausende an Opfern; viele Städtchen, in denen früher Tausende von Juden wohnten, stehen völlig menschenverlassen da; keiner von ihnen wurde am Leben gelassen. In den Wäldern, berichten Reisende, irren unzählige wahnsinnig umher; in vielen Dörfern gehen die Menschen nackt; die Zahl der jüdischen Waisenkinder wird auf viele Tausende angegeben. Noch eine Weile, und von dem blühenden großen südrussischen Judentum wird nichts mehr da sein, außer versprengten Flüchtigen und versteckten Überbleibseln. Und was 28*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.