Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Opposition
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
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420 Umschau: Politik nau wie bei den anderen Völkern: die Regierung der geometrische Ort aller Schimpfreden, das gemeinsame Maß, auf das alle Kritiken zurückgeführt werden. Streiche aber den Fall gewalttätiger Usurpierung der Macht, nimm also die Möglichkeit ungehinderter Bildung eines freien Gesamtwillens an, dann vollzieht sich im Volk eben nur die ihm immanente Gerechtigkeit; grob und scharf ausgedrückt, geschieht nur, was ihm recht geschieht. — Wer ist, frage ich nochmals, die Leitung? Die Leitung bin im Grunde ich, du, wir. Eigentlich existiert sie gar nicht außer unserer selbst. Was war sie aber bisher den einen? Das jenseits (des Kanals nämlich) erhaben und fern von uns thronende Wesen, das man um Subventionen anging, jene märchenhafte Tante Steuereinnehmerin, bei der man viel mehr herausbekam als man an sie abführte. (Die aufsteigenden Bedenken über das seltsame Phänomen beruhigte bald der Gedanke an die Heirat mit dem amerikanischen Onkel.) Für die anderen war sie aber eine Erfindung zum Abreagieren allen Ärgers, eine Art Watschenmann mit Meß Vorrichtung, an der man ablesen konnte, wieviel Kilogramm Radikalismus und Maximalismus man bei jeder Ohrfeige geleistet hatte. Das ist eine allgemeine Zeiterscheinung: die vorhandenen Mittel stehen zu den erhobenen Forderungen stets in einem umgekehrten Verhältnis. Weil man vier Jahre täglich 24 Stunden gemordet und zerstört, zwölf und mehr Stunden Mordwerkzeuge hergestellt, in den Bergwerken und auf den Feldern Raubbau getrieben hat, genügt zur Wiederherstellung und zum Wiederaufbau jetzt der Achtstundentag. Je schlechter es einem Staate geht, um so verschwenderischer sind seine Kriegsgewinner, um so korrupter seine Beamten, um soviel mehr Pogrome werden veranstaltet. Weil der Wirtschaftsverkehr zwischen den Staaten schon so rege ist, werden die irrsinnigsten Ausfuhr- und Zollschranken errichtet. Weil die Welt den Frieden so nötig hat, wird weiter Krieg geführt. In je tiefere Schulden der Staat gerät, je mehr die Kriegslasten anwachsen, um so mehr Milliarden werden von ihm verschwendet und hinausgeworfen. So ist es auch bei uns. Je größer die Notwendigkeit zur Anspannung aller Kräfte und zur Einheitlichkeit des Handelns, um so mehr wird geredet und gestritten. Je verantwortungsvoller die Lage, desto verantwortungsloser die Kritik und Polemik. Je mehr Mittel und Menschen man braucht, um so weniger hat man sie. Jetzt, nach Erreichung des politischen Ziels, da die Einwanderung freigegeben wird, muß sie restringiert werden, ist auch der bisherige Eestand der Siedlung materiell bedroht. Sind Tod und Untergang denn die einzigen Ereignisse, angesichts deren sich ein Volk zur Einigkeit, zur Tat und größten Anstrengung zusammenschließt? Ist denn die Auferstehung einer Nation, .der Aufbau ihres schöpferischen Daseins, das Werk, das Jahrtausende abschließt und für Jahrtausende entscheidet — bedenke doch das Ungeheure, das unsagbar Gewaltige dieses Augenblicks! [— nicht der gleichen Konzentration der Kräfte, der gleichen Unterordnung wert? Es gibt zuzeiten nur eine Opposition und Kritik: die des Besser mach ens, nur ein Argument: die Arbeit. Sie aber, diese Literaturpolitiker, die die Kritik als eine ästhetische Angelegenheit betrachten, wo der Kritiker nicht durch die Tat zu zeigen braucht, daß er recht hat, sie handeln in Surrogaten, indem sie ihr Mißtrauen kundgeben, sie denken in Surrogaten, indem sie opponieren, und selbst ihr Wollen ist noch Surrogat, denn gelänge ihnen saine Verwirklichung vollständig, sie wüßten nicht, wie sie eine andere Leitung bilden sollten. Im Grunde besitzen sie nur das Wort und die Freude an ihm, und indem sie sprechen, hat sich auch schon seine Transsubstantiation in die Tat vollzogen:, sie haben das Erforderliche getan und sind zufrieden. Müssen erst die Steine Palästinas zu reden beginnen, damit diese Menschen .schweigen? Nicht bloß zu reden, nein, zu schreien und zu flehen: ,Was wartet und redet ihr, warum kommt ihr nicht, uns zu erlösen?' Du aber warst gleichgültig und weder für noch gegen. Du erhitzest dich nicht über solche Streitigkeiten, stehst kühl ^beiseite und gibst beiden unrecht. Mir scheint aber: es gibt kein größeres Unrecht, als immer und vollkommen recht zu haben. Der Philister, der allen, und der Skeptiker, der keinem recht gibt, ist eigentlich derselbe Typus. Wärst du nicht mein Freund und kennte ich dich nicht besser, ich würde jetzt zitieren: ,Die Lauen aber .. „Sehr verbunden," unterbrach 'ihn hier E., aber es ist wirklich nicht mehr nötig; du hast heute abend bereits genug gespien. Der Redefluß ist schon in Gefahr. — Ich kann nicht leugnen, daß deine edle Gebärde ritterlicher Selbslbeschuldigung und dein hallender Ruf zur Tat auch mein Herz tief gerührt haben. Es war ein Genuß, dir zuzuhören. Die Zuhörer standen erschüttert. In manchen Augen haben sicher Tränen geblinkt. Ein erhebender Augenblick. Dein Sieg wohlverdient. Die Tat war geschehen: die schönste Rede des Abends wurde gehalten, gegen das Reden und für das Tun. Also handelte man auch: es wurde abgestimmt, du und deine Resolution, daß die Ortsgruppen arbeiten möchten, bekamen die [meisten Stimmen und damit ging man nach Hause. Welche Leistung!