Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Opposition
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 419 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU LEBEN UND BEWEGUNG POLITIK Opposition Die Versammlung war zu Ende. L. hatte als letzter Redner in der Diskussion gesprochen, mit starker Wirkung und oft vom stürmischen Beifall der aufgeregten Zuhörer unterbrochen. Vergeblich hatte der Referent des Abends in einem matten und verlegenen Schlußwort den Eindruck der Werte seines Vorredners abzuschwächen versucht. Die von L. vorgeschlagene Resolution, die im Gegensatz zu dem vom Referenten beantragten Mißtrauensvotum gegen die zionistische Leitung nur die Ortsgruppen der Landesorganisation zu intensivster Tätigkeit aufrief, wurde von der Majorität angenommen. Obgleich in der Debatte bis auf L. alle für das Mißtrauensvotum gesprochen hatten, bildete dieses Ergebnis keine Überraschung. Die Überzeugungskraft und die Leidenschaftlichkeit der Selbstanklage, die nicht die Führung, sondern die eigene Landsmannschaft der Passivität beschuldigte, hatten den größeren Teil der Versammlung mit fortgerissen. — Nach Schluß der Versammlung begleitete L. seinen Freund E., obzwar er einen anderen Weg nach Hause hatte. Es war ihm aufgefallen, daß E. weder für den Antrag des Freundes noch für den des Vortragenden gestimmt hatte. Auch jetzt ging er schweigend neben ihm her, während L., in dem die Erregung des Sprechens noch nachzitterte, unvermittelt begann: „Wie ich sie hasse, diese Oppositionsmänner aus Prinzip, diese l'art pour Tartisten der Kritik, diese genießerischen Liebhaber des Krakeels,' diese Ekstatiker des Schimpfens als Selbstzweck, diese Originalitätsantagonisten, Negationshalunken, Ressentimentliteraten, diese geschwollenen Pathetiker ihrer eigenen Inhaltlosigkeit, diese Idealisten der Phrase, diese überlegenen Hausierer mit Gemeinplätzen, diese —, oh diese . . ." „Noch etwas?*' fragte E. ironisch. L. besann sich und antwortete mit ruhigerer Stimme: „Du hast nicht gegen sie gestimmt, unbegreiflich! Bist du denn damit einverstanden, was heute wieder von ihnen zusammengeredet wurde.? Ich hätte nie gesprochen. Aber wie einer nach dem andern aufstand und, ohne sich zu genieren, genau dieselben Redens* arten, oft genug auch mit den gleichen Worten wie dieser subalterne Oppositionsgeist von einem Referenten vorbrachte, hielt ich es nicht länger aus. Die Wut kochte in mir. Ich freue mich: endlich habe ich alles herausgesagt, was ich auf dem Herzen hatte, habe es ihnen in die Ohren gebrüllt und sie mußten es hören. Welche Anmaßung schon dieser marktschreierische Titel des Vortrags ,Die Schuld der Leitung. Zur Krise im Zionismus!' Und wie dann jeder, unerschütterlich gefestigt und machtvoll gesichert im Bewußtsein eigener Zulänglichkeit, seine Redelust und die Stimme seines Gewissens befriedigte im Dusel selbstgefälliger Anklagen gegen die Leitung! Die Leitung trägt die Schuld, die Leitung hat nicht vorgesorgt, sie hätte es nicht soweit kommen lassen dürfen, sie hat schuld, nochmals und wieder schuld, allein, ausschließlich . . . Wer ist denn, tobte es in mir, diese Leitung, die man nun schon jahrelang kritisiert, ohne sie abzusetzen, und die man eben erst wiedergewählt hat? Sind es überirdische Wesen, die sich die notwendigen Mittel auf übernatürlichem Wege zu verschaffen wissen, die mit besonderen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet und von den rohen Schwierigkeiten und Zufällen des gemeinen Lebens unabhängig sind? Oder sind wir es nicht selbst, nur potenziert, vervielfacht, komprimiert zur höchsten Spitze unserer organisatorischen Pyramide, gesammelteste Energie, gesteigerteste Spannung, reichste Erfahrung auf kleinstem, punktuellem Raum? Welche potenzierte Stoßkraft in dieser Spitze, wenn ganz von unten her ansteigend, und in jeder Schnittebene sich vermehrend, die Kräfte emporstreben! Aber multipliziere Nullen so oft du willst, die millionste Potenz der Null ist immer wieder Null. Die unfähigste Leitung ist nicht so unfähig, daß sie nicht vieles Gute durchsetzen könnte, wenn sie von ihren Wählern unterstützt, beraten, angefeuert, aufgestachelt und mit dem Notwendigsten versehen wird. Die fähigste Leitung ist aber unfähig, wenn es ihre Anhänger sind. Jedes Volk und jede Gemeinschaft hat die Führer, die es verdient. Es ist bei uns ge-