Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 407 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 407 Als Edeles Kinder ihren Großvater so sahen, dachten sie: zu einer Beschneidung geht er. Da begannen sie zu springen wie Böckchen und zu singen: Zur Beschneidung geht mein Großvater, Freu dich und juble, mein Herz, Ist Gevatter, Leck'res bringt er, Freu dich und juble, mein Herz. Rabbi Awigdor sah auf die beiden kleinen Kinder Edeles und hätte sie gern umarmt und geherzt und ihnen liebe Worte und Tröstungen gesagt. Doch der Unruhe seines Herzens wegen vermochte er nicht, zu ihnen zu treten. In zornigem Grimm ging er fort zum Hofe der Herrschaft. 6. Und er trieb den Menschen aus. Indessen eilten die Auserwählten des Rabbi und nahmen weiße Wäsche, räumten alles Alltagswerk fort und gingen zum Badhaus, sich für den Sabbath zu reinigen, bevor der Rabbi sein Gebet beendet hätte, um mit reinem Körper in seinen Bereich zu treten. Und was taten die frommen und keuschen Töchter Israels? Sie buken Sabbathbrote und kochten Fleisch und Fisch und bereiteten eine schöne Kuggel in Reinheit und Fülle. Aber die Hoffnung des Menschen ist Gewürm. Das Werk des Satans war geglückt, der Stadtherr willigte ein und schickte einen Büttel zum Hause des Zaddik, ihn aus der Stadt auszutreiben, weil Rabbi Awigdor seine schlimme Verleumdung über ihn gebracht hatte. Gerade stand Rabbi Uriel im Gebet, eingehüllt in den Tallis und bekrönt mit den Tefillin, und sein Antlitz leuchtete von der Kraft seines Gebetes. Da trat der Büttel ein und sah das Licht seines Antlitzes, und ein Schrecken befiel ihn. Er hielt sich still, bis der Rabbi sein Gebet beendigt hatte. Nachdem er sein Gebet vollendet hatte, sprach er zu ihm: Rabbi, mein Herr, der Stadtherr hat mir befohlen, dich hier fortgehen zu heißen. Ich bitte dich, komm. Dem Rabbi traten Tränen in die Augen, und er weinte. Als der Wachmann ihn weinen sah, meinte er: Sich sperren will er. Er faßte ihn an der Hand und drängte ihn, flink zu gehen. Warum aber weinte der Rabbi? Er dachte: Dieser Unbeschnittene erhält seine Befehle aus dem Munde von Fleisch und Blut, das heute hier ist und morgen im Grabe; wenn er, so wie ihm nur ein Befehl zukommt, so sehr eilt, ihn zu erfüllen — sollte da Israel, das seine Befehle aus dem Munde des Königs der Könige empfängt, des Heiligen, gepriesen sei er, der ewig lebt und ohne Ende besteht, nicht ebenso tun? Alsbald nahm er die Tefillin ab und knüpfte ihre Riemen nach seiner , Weise in der Gestalt von Taubenflügeln. Aber an diesem Tage, so erzählte man, wich ihre Schönheit, und die Gestalt ward gleichsam gemindert. 27*