Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 402 (sequence 7)
- Language
- German
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402 Elfride Bergel-Groneman: Jüdische Wege Gemeinsamkeitsgefühl, das die Juden über alle sozialen und kulturellen Grenzen hin verbindet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit schließt allerdings eine gewisse Begrenzung gegen Andersartiges in sich. Dieses Seine-Besonderheit-Fühlen ist aber nicht etwa ein Überlegenheitsgefühl, sondern konstatiert nur eine bestehende Differenz. Der oft unter der übergroßen Last seines Vätererbes zusammenbrechende Jude kann vielleicht neidvoll auf seine leichteres Gepäck tragenden Menschenbrüder blicken. Er ist sich aber bewußt, daß dies sein, das andere des andern unabänderliches Schicksal ist — und er ist stolz auf diese Last, die nur starke Schultern tragen können. Er fühlt es wirklich so, trotz des Grolls, den dieses Wort vor allen andern auf die Juden herabgezogen hat: zu dem schweren Lose, unbeirrbar durch Dunkel und Elend dem fernen, nie erreichbaren Ideal nachzugehen — dazu bedurfte es eines so zähen, beharrlichen, eines so demütigen und stolzen, eines auserwählten Volkes. Der Gedanke des Auserwähltseins ist in jedem Volke lebendig, und er ist mehr als ein überheblicher Nationalstolz. Er findet seine objektive Begründung, wie schon anfangs ausgeführt wurde, in der Völkergeschichte selbst, die jedes Volk als für einen bestimmten Zweck prädestiniert erkennen läßt, und eben diese Zweckmäßigkeit seiner Existenz gibt seinem Lebenswillen die sittliche Berechtigung. Zu allen Zeiten hat der Gedanke des Auserwähltseins dem Juden nichts mehr und nichts weniger bedeutet, als das Bewußtsein, zu höchsten sittlichen Verpflichtungen berufen zu sein. Darin bestand seine „Begnadigung". In einer Zeit wie der unsern, wo der leere, d. h. von keinem Ideengehalt erfüllte Nationalismus seine vernichtende Niederlage erlitten hat, wird einzig und allein die Kulturmission eines Volkes ihm die Berechtigung und Verpflichtung zu nationalem Eigenleben verleihen können. Nur dieser Maßstab ist würdig, an die nationaljüdische Bewegung angelegt zu werden. Auch hier darf nur diese Frage ausschlaggebend sein: Kann und will die jüdische Nation den Menschheitsschatz an Kultur vermehren? Von der Bejahung dieser Frage, von dem Bekenntnis zu dem jüdischen Ideengehalt hängt die tiefste Lebensberechtigung des jüdischen Volkes ab. Das Bekenntnis zum Nationaljudentum muß ein sittlicher Entschluß sein. So beispiellos die Notlage der Juden ist, — ihre soziale und materielle — sie würde nicht genügen, um die Nationalisierung des Volkes zu begründen, jetzt, da die Sehnsucht nach Menschheitsverbrüderung als Frucht der Entartungen des Nationalismus erwachsen ist. Es ist nicht einzusehen, warum man nicht durch andere Mittel, z. B. durch planmäßige Assimilation, das Judenelend beseitigen sollte, wenn anders man sich nicht zu dem innern Wesensgehalt des Judentums bekennt. Dann allerdings kann es nur einen Weg geben: Das jüdische Volk aus dem Druck, der Verelendung, dem Sittenzerf all, der Entartung hinauszuführen in gesunde, natürliche Lebensbedingungen, wo es.die spezifischen Gaben seines Wesens frei pflegen und entfalten kann. Wer dem oben angedeuteten Gedanken von