Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 403 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Brief Wolffsohns an Herzl 403 der tiefen Zweckmäßigkeit des Weltgeschehens gefolgt ist, wird nicht ohne Ergriffenheit sich der Fügung bewußt werden, daß zu einer Zeit tiefster Not, da alle Zivilisation in Flammen aufzugehen droht, die jüdische Nation berufen erscheint, das Kleinod des reinen, strebenden, immateriellen Gedankens aus dem brennenden Hause an einen Zufluchtsort zu retten, um es dort für kommende Geschlechter zu bewahren. EIN BRIEF WOLFFSOHNS AN HERZL*) Berlin, den 13. Dezember 1900. Lieber Freund, die letzte telephonische Unterredung war schwer verständlich. Schegez [türk. Botschafter in Berlin] konnte ich erst um 2 Uhr sprechen. Er war sehr liebenswürdig, behandelte mich wie einen alten Bekannten und dankte sehr für die Aufmerksamkeit. Deine Phil. Erzählungen sind hier gebunden zu haben. Auf meine erste Bemerkung die Halevi [Anleihe für die türkische Regierung] betreffend sagte er mir gleich, daß er nichts, absolut nichts weiß. Er fragte mich, ob wir es seiner Regierung angeboten hätten oder ob diese von uns verlangt hat. Worauf ich sagte, daß wir uns gefällig zeigen wollen» um für unsere Sache daraus Kapital zu schlagen, und ging gleich auf den Zionismus selbst ein. Er persönlich wäre nur dafür zu haben, daß wir uns in der Türkei zerstreuen. Er würde gerne sehen, daß wir dort das machen, was die Juden in Ungarn getan. Wir sollen alles, was die Türkei braucht, schaffen, aber unter Türken, unter mohammedanischer Majorität. Ich sagte, das wäre ja unter Umständen sehr schön, wenn erstens die Juden, die einwandern sollen, damit zufrieden wären, und wenn dazu die riesigen Mittel, die dem Zionismus für Palästina sofort zur Verfügung ständen, auch für seine Pläne zu haben wären. Nach meiner Ansicht, sagte ich ferner, würde die Türkei das, was er will, durch Palästina eher und besser erreichen, da wir mit großen Mitteln beginnen würden, wovon das ganze türkische Reich in erster Linie den Nutzen ziehen wird. Er mußte mir im großen ganzen zugeben, meinte aber, daß unser Ziel schließlich doch dahin führen wird, daß wir uns wie die Balkanstaaten loslösen werden. Darauf habe ich ihm kurz erwidert, daß nach meiner Ansicht die Balkanstaaten noch heute türkisch wären, wenn sie eine jüdische Bevölkerung gehabt hätten, da wir Juden außer den Türken nirgends in der Welt Freunde haben, die für uns eintreten würden. — Ich sprach überhaupt sehr wenig, er dagegen sehr viel und zum Schluß sagte er ftnr, daß alles, was er gesagt, nur seine Privatmeinung sei, offiziell könne er überhaupt noch nichts sagen, da bis jetzt noch gar keine Verhandlungen *) Aus der vom Jüdischen Verlag vorbereiteten Wolffsohn-Biographie.