Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 401 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Wege 401 natürliche Beschäftigung ein Gegengewicht gegeben, das allein die geistige und seelische Gesundheit eines so ausschließlich auf das Geistige gerichteten Volkes gewährleisten kann. Seit die Juden jahrhundertelang von den natürlichen Daseinsbedingungen abgetrennt, von jedem rationell gegliederten Berufsleben verdrängt sind, mußte durch das ausschließliche Zehren von ihrer Geistigkeit diese naturgemäß vielfach entarten. Ihr ging oft ihr Ziel und Zusammenhang, ihr idealer Inhalt verloren, sie wurde Selbstzweck. Die allgemeine Erfahrung, daß die Beherrschung einer gewissen Fertigkeit — in diesem Falle das scharfe und spekulative Denken — zu der Gefahr leerer Virtuosität verführt, bestätigte sich auch hier. Der Forschungstrieb verlor häufig das Ziel, dem er dienen soll, er wurde zu einer Kritik um der Kritik willen, zu einer sterilen Verstandestechterei, zu unfruchtbarem Sophismus, der sich und andere haltlos macht. Oft wurde auch der Scharfsinn zu einer Waffe gegen die feindliche Umwelt erniedrigt, die Geistesgaben als einzige Schutzwaffe den materiell unverhältnismäßig überlegenen Kampfmitteln der Feinde gegenübergestellt und dadurch entweiht. Das, was „die Betriebsamkeit der Juden" genannt zu werden pflegt, hat wohl hierin seinen Ursprung. Charakteristisch und fast ausnahmslos zutreffend ist es aber, daß Bildung und die dem Erkenntnisdrang am meisten entsprechende wissenschaftliche Arbeit bei allen Juden noch immer als das Höchste gilt. Der unermüdlich schaffende Geschäftsmann, der kleine Hausierer, sie haben immer als schönstes Ziel vor Augen, durch ihr Geld einmal ihren Kindern Studium und Leben im Dienste der Wissenschaft zu ermöglichen. Für den Juden ist das Geld nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Idealismus. Eines besonders ins Gewicht fallenden Phänomens der jüdischen Seele muß noch gedacht werden, das dem fremden Beobachter überaus rätselhaft erscheint und Anlaß zu heftigster Abneigung gibt: Die Tatsache, daß dies beispiellos gemarterte, zertretene, von Haß und Verachtung umgebene Volk ein unberührbares Selbstgefühl und eine Unverletzlichkeit seiner Würde besitzt, die oft als Mangel jeden Selbstgefühls, öfter aber als beleidigender Hochmut gegen andere ausgelegt wird. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich die Antwort hierauf von selbst. Die Einzigartigkeit einer aufs höchste gesteigerten Geistigkeit als ausgesprochenen Daseinszweck eines Volkes, die Tatsache seiner durchaus kulturellen Richtung macht dieses Volk zu einem aristokratischen, und das Bewußtsein, einem unvergleichlichen Kulturvolk anzugehören, ist durch keinerlei Verachtung oder Verelendung auszurotten, sondern wird naturgemäß durch den Druck der Bosheit und Gewalt nur gesteigert und erhöht. In der Tat, selbst in dem entarteten Juden ist noch ein Rest jener Kultur vorhanden, der den Adel des Volkes ausmacht. Auch in dem von Unkraut überwucherten Herzen bleibt noch ein Fünkchen von jener tiefen Menschlichkeit, jenem sich Einfühlen in fremdes Leid, die das Kennzeichen der jüdischen Wesensart ist. Hierauf, auf dem Wissen von diesem gemeinsamen Grund, beruht das bekannte, den Nichtjuden oft so befremdende