Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 400 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Elfride B er gel-Gronemann: die im modernen Judentum bestehende starre Orthodoxie als etwas inr.o* Unjüdisches erkennen, denn sie knebelt und verkrümmt den voraussetzu*\ losen, nach Wahrheit verlangenden jüdischen Geist. In der Diaspora h sie jedoch für den Bestand der jüdischen Tradition einen hoch einzuschätzen den Wert in ihrem durchaus idealen Gehalt, wie sie überhaupt am beste, als vielleicht notwendige, wenn auch an sich nicht wünschenswerte Kriegsmaßregel zu bewerten sein dürfte. Die Klarheit und geistige Hellsichtigkeit des Juden bedingt eine andere Eigenart: Ihm ist die Unmittelbarkeit, die Naivität versagt. Es. ist ihm eine niemals auszuschaltende geistige Wachheit eigen, die jedes Gefühl mit einer Art von Bewußtheit beschwert, die die Wohltat völligen Hingegeberiseins ihm verwehrt Er kann niemals sich in der Freude, im Schmerz, im Glück oder Leid völlig vergessen. Es ist die tiefe Tragik seiner Geistigkeit, daß sie ihm überallhin wie ein Schatten folgt — ihre Stimme ist nicht zum Schweigen zu bringen. Der Jude kann die Gegebenheit der Natur, der Kunst, der Empfindung nicht als Einzelnes, Augenblickliches, in sich Abgeschlossenes nehmen, sondern, während seine fast überempfänglichen Sinne sich dem Eindruck willig öffnen, wirkt sein geistiger Apparat schon an ihrer intellektuellen Verarbeitung, er führt sie auf Allgemeines zurück, er symbolisiert oder ethisiert sie. Selbst in den erhabenen Naturschilderungen der Psalmen erwächst die höchste Andacht und Beglücktheit nicht unmittelbar aus dem Naturerleben, sondern auf dem Umweg über Intellekt und Bewußtheit werden sie Ausdruck und Ursache für ^höchste ethische Gedanken; das Naturerleben wird also ein Mittel zum Zweck — dem ethischen Inhalt Dieser — durch die Geisteskonstitution gegebene — Zwang zur Vertiefung läßt sich, wie es scheint bis in alle Zweige jüdischer Kunst hinein verfolgen. Der jüdische Künstler kennt nicht das Part pour Tart — für ihn ist, wenn auch oft unbewußt, der Gedanke das Wesentliche, dem die Kunst dienen muß. Diese Schwere des jüdischen Wesens wird von den Juden nur zu oft als Bürde empfunden, aber sie ist ebensowenig abzulegen, wie irgend eine körperliche Eigenart. Sie ist es wohl hauptsächlich, die eine Isolierung der Juden innerhalb der anderen Völker bedingt. Es ist bezeichnend, daß der Jude im Grunde seiner Seele an dem Deutschen jene ,,Einfachheit" und „Naivität" bewundert und beneidet, von der er sich ausgeschlossen weiß. Eine gewiße Schwermut resultiert aus der besprochenen Veranlagung, die auf dem Grunde jeder jüdischen Seele, in jedem Glück, in jedem Lied, in jedem Lächeln, ja, in jedem Kinderauge liegt. Sie können nicht im Augenblicke aufgehen, die Last ihrer Gedanken ist zu schwer. Und doch wird wiederum diese Last, die auf ihnen ruht, als eine Auszeichnung und als unerhörte Gnade empfunden. Solange die Juden in ihrem Lande als Bauern- und Hirtenvolk leben :»nnten, war durch die ständige Berührung mit dem Boden und durch die