Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 399 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Wege 399 Deutungen zu befriedigen. Er ist der geborene Skeptiker, der unbestechliche Forscher, der rücksichtslose Kritiker. Man hat diese Geistesverfassung zersetzend genannt — wenn sie es ist, dann sind Hiob und Kohelet auch zersetzend. Was sie vor dem Vernichtenden, Zersetzenden bewahrt, ist eben jener andere, seltsam kontrastierende Zug der Seele: Die Sehnsucht nach Heiligung, nach Vervollkommnung, nach Wahrheit. Ihr allein dient die Kritik. Immer gehts um das im Unendlichen leuchtende Ziel, um Wahrheit. Nicht um das Einreißen ist es dem Juden zu tun, sondern um den Aufbau neuer Erkenntnisse. Nur muß er durchaus sicher gehen. Jeder einzelne Stein des Fundaments wird auf seine Tragfähigkeit untersucht, keine wie auch immer geartete Bürgschaft enthebt der eigenen rücksichtslosen Prüfung. Vielleicht macht das die jüdische Geistesverfassung den anderen Völkern so fremd, daß sie bei den höchstgerichteten Zielen in ihren Mitteln und in ihrer Begründung frei von jeder Sentimentalität, von jeder Idealisierung des Gegebenen ist. Ein Beispiel dafür bietet sich auf einem Gebiete, auf dem die Juden selbst für ihre Feinde vorbildlich sind — auf dem der Wohltätigkeit. Die Sprache selbst gibt darüber überraschenden und erschöpfenden Aufschluß: Für die Begriffe „Wohltun" und „Gerechtigkeit" hat das Hebräische nur ein und dieselbe Bezeichnung „Zdokoh", Wohltun, das ist Gerechtigkeit. Hier ist ein Schlaglicht auf die Art der jüdischen Auffassung, Die unbeirrbare Klarheit des Juden nimmt auf der einen Seite vielleicht dem Gefühl die selbstschmeichlerische Genugtuung des „Wohltuns", gibt ihm aber andererseits das viel erziehlichere, fester fundierte und für die Allgemeinheit wertvollere Bewußtsein der Pflicht. Sie entzieht, gerade weil der Volkscharakter leicht entzündbar ist, die soziale Verpflichtung den Zufälligkeiten des persönlichen Mitgefühls und hebt sie in die kühlere, aber exakter funktionierende Sphäre der Pflicht. Der Gerechtigkeitssinn und sein umfassendster Ausdruck, der soziale Sinn, ist deshalb im Juden ein so ausgeprägter, weil er nichts weiter ist, als die durch den moralischen Willen selbst über den Eigennutz hinausführende Objektivität. Da der Jude den innersten Drang zur Erkenntnis hat, muß er zur Gerechtigkeit kommen, da er gerecht sein muß, muß er mitfühlend sein. Gerechtigkeit ist vielleicht nichts anderes, als sich selbst anstelle des Andern setzen. s*e ist nichts als eine Objektivität, die sich selbst in den Kreis des zu Betrachtenden einbezieht. Der Ring schließt sich: „Der andere hat dasselbe Recht wie ich, da er ebenso wie ich, eine fühlende Seele hat. Da ich mich selbst liebe, muß ich den andern lieben." Es gibt nichts Unsentimentaleres. £s gibt keine sittliche Forderung, die besser fundiert wäre. Eine weitere Äußerung dieser Objektivität ist die weitgehende Toleranz des Judentums gegen andere Bekenntnisse. Jeder Mensch ist schuldlos geboren, jeder hat die Wahl zwischen Gut und Böse frei, jeder, ob Jude oder Nichtjude, kann zu Gott gelangen, sofern er ein guter Mensch ist. Diese aus dem innersten Wesen jüdischer Veranlagung hervorgegangene Toleranz läßt