Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 398 (sequence 3)
- Language
- German
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39» Elfride Bergel-Gr onemann: Halt eines wohlgeordneten, unveränderlich vertrauten Rahmens — der Jude mit seiner ruhelosen, faustischen Seele braucht eben das festgefügte Asyl seiner Gesetze. Die jüdische Religion kennt weder Glaubenszwang noch Dogmen — aber die grüblerische, schrankenlos ins Weite schweifende Volksseele findet in ihren Sitten, Traditionen, in ihrem von altersher geheiligten Milieu den Schutz vor Verzweiflung und Heimatlosigkeit, denen sie sonst leicht unterliegen würde. In den beiden sittlichen Forderungen, der Heiligung und des Suchens nach Erkenntnis, wird eine Vereinigung höchster Verstandeskräfte und tiefsten Sittlichkeitsstrebens verlangt, was ohne weiteres die Vielgestaltigkeit und Zwiespältigkeit des jüdischen Geistes erkennen läßt. Die Forderung des Erkennens verlangt äußersten Scharfsinn, Mißtrauen gegen nicht Erwiesenes, Skepsis; das Streben und der Glaube zum Ideal, zur Heiligung aber einen gläubigen Optimismus, eine Idealisierung und Emporsteigerung der menschlichen Gebundenheiten. Wie in einem Brennglase vereinigen sich hier die Farben der schillernden, an Gegensätzen reichen und gerade dadurch einheitlichen jüdischen Mentalität; für den Hellsehenden sind all die Keime zu dem sehr Großen und dem sehr Kleinen ihrer Geschichte hier deutlich erkennbar. Man mag in dieser Sehnsucht nach gleichzeitig sinnlicher und übersinnlicher Bezwingung der Geisteswelt ein , Symbol der nach Einheit und Vereinigung von Geist und Materie ringenden jüdischen Seele finden. Das ist tatsächlich wohl das Bezeichnende des Judentums. Der christliche Dualismus zwischen Geist und Materie existiert für den Juden nicht, weil seinem scharfen Verstände die Gewaltsamkeit dieser Trennung nicht entgeht, weil er die Abhängigkeit des einen von dem anderen erkennt; so glauben die Juden ursprünglich auch nicht an ein Fortleben nach dem Tode — alle Verheißungen beziehen sich auf das Diesseits — denn gerade die Idealität ihres geistigen Lebens bedarf keines Ausgleichs materieller Ungerechtigkeiten im Jenseits, weil für sie jede gute oder böse Tat als seelische Folge diesen Ausgleich in genügender Weise herbeiführt, eben durch die Intensität ihres sittlichen Bewußtseins. Die Einheitlichkeit der jüdischen Weltauffassung erzeugt, im Gegensatz zu der christlichen Askese, die Weltfroheit der Juden. Die Wunder der Welt, die Freude an den sinnlichen Genüssen des Daseins gelten ihnen ebenso als Ausfluß göttlicher Gnade, wie die Erhabenheiten geistiger Offenbarungen. Durch diese Auffassung, daß auch die Sinnenfreude göttlichen Ursprungs ist, wird diese gleichzeitig geadelt. Sie wird immer mit dem Gedanken ihrer heiligen Herkunft verknüpft, wie das in den Lobsprüchen zum Ausdruck kommt. Die eine Grundform der jüdischen Veranlagung ist also eine analysierende, sachliche Betrachtung der Dinge. Dem Juden sind Voreingenommenheiten und Einseitigkeiten, die ja oft einen Schutz gegen inneren Zwiespalt geben können, versagt — er muß die Dinge von allen Seiten sehen. Es gibt nichts im Himmel und auf Erden, was seinem bohrenden Verstände, seiner Kritik entzogen werden könnte. Sein Geist ist niemals mit rein gefühlsmäßigen