Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 397

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Jüdische Wege
Date
1920-01-01
Page
397 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101170-3105695--4272-3105747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Wege 397 dentum" und „Juden" so weit von einander entfernt sein mögen, wie eben immer das Ideal von der Wirklichkeit, so kann man doch nur die jüdische Volksseele im Zusammenhang und durch das Medium des Judentums erkennen. Auch heute ist im wesentlichen jene Geisteskonstitution, die das jüdische Ideal in den Jahrtausenden aufgebaut hat, mit der Seelenveranlagung der Juden identisch. Bei allen Völkern charakterisiert die Art ihres Ideals, ihres Symbols am deutlichsten ihre Wesensbeschaffenheit. Denn dieses Volksideal muß naturgemäß gerade jene Eigenschaften anregen, gestalten, zur Geltung kommen lassen, die dem Volkscharakter am meisten zusagen. Wenn z. B. das eine Volk Ritterlichkeit, Grazie, Esprit, ein anderes Unerschrockenheit, Tapferkeit, körperliche Kraft als höchste Tugend hinstellt, so gibt es kaum etwas, was die Volksseele deutlicher enthüllen könnte. Trifft dies nun schon im allgemeinen zu, um wieviel mehr muß das bei einem Volke der Fall sein, das sich sein Ideal aus seiner Mitte heraus geschaffen, auf seine ganze spezifische Art hin gebildet hat. In seiner Nationalidee müssen alle Volksmerkmale, wenn auch in abstraktester Idealisierung, vorhanden sein. Die - durch Dauer und Abgeschlossenheit einzigartige Existenz des jüdischen Volkes hat eine solche Untrennbarkeit und Durchdringung des ideellen und materiellen Judentums hervorgebracht, daß eins nur durch das andere zu verstehen ist. Die Art der Geisteskonstitution des Volkes bedingte den Ideengehalt des Judentums. Dieser wiederum, zum Symbol erhöht, als Feuersäule vor dem zum Ziele Strebenden einherziehend, pflegte, steigerte, entwickelte die spezifischen Geisteskräfte so intensiv, daß selbst in ganz entlegenen, abgelösten, ja scheinbar abgestorbenen Zweigen des alten Stammes diese bestimmten Anlagen noch deutlich nachweisbar sind. Wenn man nach einem Generalnenner für die jüdische Mentalität, für ihre Lehre, ihre Gesetze sucht, muß man jene zwei Worte der heiligen Schrift anführen: „Du sollst erkennen" und „Du sollt dich heiligen". Das ist der tiefste Ausdruck jüdischen Geistes. Es hieße die Unendlichkeit des jüdischen Gedankens, wie er sich hier ausspricht, determinieren, die allumspannende Sehnsucht seines Fluges hemmen, wenn man die Religion, wie sie ist, als letztes Ziel hinstellen wollte. Auch ihre Formen können altern, sich überfeben, sich verändern. Das Unsterbliche ist der Gedanke, der sie schuf, der unersättlich, unstillbar nach Erkenntnis, nach Wahrheit dürstet, der in allen Himmeln und in allen Höllen nach Gott, nach Vollkommenheit, nach letzter Läuterung sucht mit jener Demut, jenem Erschauern, von denen das Judentum heiß erfüllt ist und die nur aus Erkenntnissen erwachsen. Auch die jüdische L<Are ist nur ein erhabenster Ausdruck des unendlichen Gedankens, der in der Judenseele lebt. Und sie ist ein unversieglicher Brunnen für den nach Trost und Kraft verlangenden Kämpfer. Vielleicht erklärt sich aus dem ureigensten Bedürfnis der Volksseele auch das Zeremonialgesetz noch nach einer anderen als der pädagogischen und materiellen Zweckmäßigkeit: Niemand mehr als der Suchende, in die Unendlichkeit Schweifende braucht den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.