Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdische Wege
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 396 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101170-3105695--4271-3105746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
396 Elfride Bergel-Gronemann: ELFRIDE BERGEL-GRONEMANN / JÜDISCHE WEGE Beim Studium der Geschichte drängt sich dem denkenden Betrachter überall die Erkenntnis vom Zielhaften im Leben der Völker auf. Ihre Schicksale sind typisch: Ein Volk faßt einen Gedanken, formt ihn, erfüllt ihn bis in seine ganze Ausdehnung, dann tritt es vom Schauplatze ab. Der Gedanke ist zu Ende gedacht, also überlebt, Stufe für neue Gedanken geworden. Von dieser Auffassung aus läßt sich vielleicht eine befriedigende Deutung des Phänomens der alle Entwicklungsphasen der Menschheit überdauernden Existenz des jüdischen Volkes gewinnen» Es konnte nur deshalb die Jahrtausende überdauern, weil eben die Aufgabe, der Gedanke, dessen Träger es ist,1 über den Wechsel der Zeiten seine Gültigkeit behalten hat Denn das Daseinsziel der Juden ist das Ideal selbst, das niemals erreicht, immer gesucht wird und in immer neue Fernen verschwindet. Sein Lebenssinn ist das Hinstreben 2U einem gänzlich immateriellen Ziel, zur absoluten Reinheit, zur Vollkommenheit, zur „Heiligkeit*1. Die Juden sind inmitten der Menschheit die Träger des suchenden und ringenden Gedankens,- und dieser Gedanke kann niemals zu Ende gedacht werden. Diese Aufgabe ist so unsterblich, wie die Menschenseele selbst und birgt in ihrer Eigenart und Unerschöpflichkeit das erhabenste Glück und die tiefste Tragik, deren Menschen teilhaftig werden können. Denn jedes andere Volk hat seine Mission in der Welt der Erscheinungen verwirklicht, es waren ihm Genugtuungen der materiellen Verkörperungen, lebendige Bestätigungen seiner Gedanken beschieden, die dem jüdischen Gedenken seiner innersten Natur nach versagt bleiben müssen. Dies ist die Tragik des Judentums sowohl in ideeller wie in materieller Beziehung. Sie beruht eben in der Notwendigkeit, auf Bestätigungen und Erfüllungen des materiellen Lebens verzichten zu müssen, niemals das Siegergefühl des ans Ziel Gelangten, niemals auch die Weltgeltung des Erfolgreichen zu genießen. Das Glück aber, auf alle Höhen und in alle Tiefen zu dringen, den Blick in immer größere Weiten zu senden, der Unendlichkeit des Gedankens zu gehören — dieses Glück erhebt so sehr über das Zufallsschicksal des materiellen Lebens, es erhöht das Bewußtsein des Individuums zu solch kosmischem Einheitsgefühl, daß es ebenso einzig und unvergleichlich ist, wie jene Tragik. Gewiß gab es und gibt es in jedem Volke Einzelne, die solche Wahrheitssucher, Gottsucher sind. Das Besondere und Charakteristische ist es aber, daß hier eine ganze Volksgemeinschaft Ziel und Begründung ihrer Existenz im Streben nach geistiger Vollendung sieht. Es ist nicht das kleinste Wunder der an Wundern überreichen Geschichte des jüdischen Volkes, daß seine Volksseele trotz seines Lebens inmitten der anderen Völker in ihrem letzten Grunde so gut wie unerkannt ist. Es hat wahrlich nicht an Versuchen zu ihrer Erforschung gefehlt. Wenn auch „Ju-