Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Albrecht Hellmann: und äußere (im Vergleichssinne konvex-konkave) Situation von besonderer Schärfe und Deutlichkeit. Vorher aber noch einige Bemerkungen zur Kennzeichnung der eigenartigen Lage besonders der Juden im ehemaligen Österreich, das trotz seines Untergangs wegen seiner Vereinigung eines völlig v/estlichen mit einem völlig östlichen Judentum für uns ebensowenig seine paradigmatische Rolle eingebüßt hat wie für alle übrigen seiner Nationalitäten wegen seiner Völkermischung und der einzigartigen Fülle der aus dieser entstandenen Probleme. Eines der in der Programmkommission am häufigsten angewandten und suggestivsten Argumente war die Behauptung, daß die Juden das fünftstärkste Volk der Monarchie gewesen und aus dieser Tatsache darum die weitestgehenden Forderungen abzuleiten wären, zumindest eine solche Form der nationalen Autonomie, wie sie die Italiener in Österreich angestrebt hatten, die an Zahl den Juden bedeutend unterlegen waren. Es braucht wohl nicht erst auseinandergesetzt werden, daß die Kunst der Politik — und welch schwierige Kunst im Falle der Nationalitätenfrage! — nicht in der Lösung von einfachen Rechenexempeln besteht, bei denen nur die rohe Zahl entscheidet. Nicht diese ist für die Stärke einer Nation ausschlaggebend, sondern ihre Siedlungsweise, ihr Nationalbewußtsein, ihre innere Kohärenz und äußere Unabhängigkeit. Die Juden waren in Österreich schwächer als die paar hunderttausend Italiener, denn diese hatten wenigstens in einigen Bezirken die absolute Majorität, ganz abgesehen davon, daß sie in einem Großstaat einen mächtigen Rückhalt hatten und keinem von ihnen der Zweifel kam, ob es eine italienische Nation gebe. Die Juden hatten hingegen in keinem einzigen österreichischen Bezirke (von den wenigen Städten mit eigenem Statut abgesehen, der Grundzelle der staatlichen Verwaltung) die absolute Majorität; sie erreichten als Höchstziffer in einem galizischen Bezirk ca. i9°/0 von der Gesamtbevölkerung. Sie sind also das Minoritätsvolk, das nirgendwo in Majorität lebt. Daß es in manchen Städten des heutigen Polen jüdische Mehrheiten gibt, beweist nichts, denn bei den hier allein in Betracht kommenden staatlichen Angelegenheiten, für deren Entscheidung nicht eine einzelne Stadt, sondern der Bezirk die Grundlage der örtlichen Kompetenz ist, bilden niemals die Juden unter allen zur Mitwirkung Berechtigten die Mehrheit. In der Erscheinung des jüdischen Volkes als eines absoluten Minoritätsvolkes liegt der Schlüssel zu seiner Wehrlosigkeit und Ohnmacht, damit auch, nach dem Gesetze von der Richtung des Druckes in der Linie des geringsten Widerstandes, zu seinen unausgesetzten Anfeindungen und Demütigungen. Reine Machtpolitik kann infolgedessen die jüdische Politik niemals werden. Trotz ihrer höheren Gesamtzahl, die den Juden unter den österreichischen Nationen einen Platz an fünfter Stelle angewiesen hätte, waren sie das allerschwächste, nicht das fünftstärkste Volk. Auch der immer wieder gehörte Hinweis auf das für die Juden der anderen österreichischen Kronländer maßgebende Beispiel der Bukowina, wo die Juden