Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 395 sich zum größten Teil zur jüdischen Nation zugehörig fühlten, ohne ihre Position damit zu gefährden, und dabei auch die Billigung aller anderen Volksstämme des Kronlandes fanden, ist irreführend. Die nationalen Verhältnisse der Bukowina im Allgemeinen sind ganz exzeptionell und mit denen anderer Kronländer der ehemaligen Monarchie nicht zu vergleichen. Das gleiche gilt von den Bukowinaer Juden. Nirgends sonst rinden wir wie in der Bukowina bei so kleiner Zahl der Gesamtbevölkerung fünf Nationen zusammenlebend, von denen keine die absolute Majorität hat. Nur der österreichische Staat selbst war ähnlich aufgebaut, weshalb man die Bukowina nicht mit Unrecht ein Österreich im Kleinen nannte. Als drittstärkste Nation nahmen die Juden der Bukowina dort zahlenmäßig dieselbe Machtstellung ein wie in Österreich die Polen. Dabei waren ihre nationalen Gegner nicht Deutsche und Tschechen, sondern Rumänen und Ruthenen und die Sprachenfrage, die wichtigste des ganzen nationalen Kampfes, war dadurch ausgeschaltet, daß das Deutsche als Vermittlungssprache von den verschiedenen Nationen anerkannt wurde. Renner weist in seinem schon genannten Buche mit folgenden richtigen Bemerkungen auf die Relativität der nationalen Verhältnisse in den verschiedenen Kronländern hin: „Der Tscheche, der in seiner Heimat nur an den Deutschen stößt, sieht sich im Reichsrat sieben anderen Nationen gegenüber, er hat sich mit sieben auseinanderzusetzen und erkennt — sagen wir, die Bedingtheit seiner Nation. Nun kehrt er heim in seinen historischen Landtagssaal! Hier, im Königreich Böhmen, stehen 62,8 Prozent seiner Nationsgenossen 37,2 Prozent Deutschen gegenüber, hier fühlt er sich als schrankenloser Herr.. . . Schon dort, wo drei Nationen sich in ein Kronland teilen, gestalten sich diese Verhältnisse günstiger, ebenso dort, wo beide Nationen sich annähernd das Gleichgewicht halten. Je näher die Prozentzahlen der Völker im Kronland aneinanderrücken, je mehr Völker sich teilen, desto friedliebender sind sie." Schon aus der Widerlegung dieser beiden Argumente ergibt sich wieder einmal die Grunderfahrung und fundamentale Tatsache der jüdischen Politik: das jüdische Volk ist nicht so wie die anderen Völker und darüber hinaus ist auch die Situation der Juden in den verschiedenen Staaten oder Kronländern eine völlig verschiedene. Schon daraus kann also die Forderung nach einer differenzierenden Behandlung der Juden nach den Ländern ihres Wohnsitzes abgeleitet werden. Worin meiner Ansicht nach im Gegensatz zu der sogenannten radikalen, alle Unterschiede im österreichischen Judentum leugnenden oder nicht berücksichtigenden Richtung der österreichischjüdischen Kongreßbewegung diese Differenzierung bestand, wird im folgenden Abschnitt dargestellt werden, der von der Erforderlichkeit und Nützlichkeit der Minoritätsrechte für die Juden der einzelnen Länder handelt