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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 387

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
387 (sequence 15)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 387 was man in dieser Zeit „Religion" nennt, für die allermeisten von ihnen ein bespotteter oder einfach vergessener Aberglauben wurde — ohne ein anderes Ziel, als so weit als möglich im Deutschtum aufzugehen, dafür aber gespalten in alle deutschen Parteien, soweit sie nicht ausdrücklich christliche sind, und mit voller Schärfe die Gegensatzgefühle mitempfindend, die in Deutschland von Partei zu Partei, von Weltanschauung zu Weltanschauung sich stemmen, kulturell aufgeteilt in alle Lager des Geschmacks und vereinigt nicht einmal vor der fremden Feindschaft gegen jüdisches Sein, wohl aber voller Ablehnung gegen jenen Teil von sich, der das nationale Judentum in Deutschland darstellt, und in überwältigender Mehrheit bereit, das Ostjudenvolk preiszugeben und es dem Antisemitismus zu denunzieren, damit es selber relativ verschont bleibe: was soll für diesen unseligen Klumpen von Zellen Einheitliches gefragt und gesagt werden? Und, von dem Standpunkt des Einzelnen unter ihnen, des typischen Deutschjuden die Dinge betrachtet: was kann irgend gegen sie vorgebracht werden — sobald man die kapitalistische Form des Gegeneinanderlebens und die Entartung der menschlich-göttlichen Welt zur bürgerlichen Gesellschaft erst einmal als europäische Gegebenheit hinnimmt? Denn hier wird doch nicht der neid- und wutblinden Machtgier „national-sozialistischer" Blödheit das Wort geredet, deren Plakate (in München) für ein kulturhistorisches Museum gesammelt werden müßten; hier wird doch Wirklichkeit gesucht! Und die Wirklichkeit ist, daß selbstverständlich auch auf dem Spezialgebiet der wirtschaftlichen Kriminalität der Anteil der Juden weit geringer ist als die Zahl der nichtjüdischen Wirtschaftsverbrecher, bestrafbarer wie ungreifbarer, ja weit geringer als er ihnen, prozentual zur Bevölkerung des Deutschen Reiches und der allgemeinen Kriminalität gerechnet, zustände, da ja jedes Volk heute ein Anrecht auf Verbrechertum haben dürfte, unwidersprochen im Kriege, warum also nicht im sogenannten Frieden? Legt man die Frage: „Wie bist du?" heute dem durchschnittlichen Juden vor, so darf er, vor seinem individuellen Bewußtsein, ruhig sich das Zeugnis persönlicher Anständigkeit geben, nach dem Maße dessen, was heute in Deutschland ein anständiger Mensch ist, und er darf sogar ein Plus für sich beanspruchen, weil er einen eingeborenen Widerwillen gegen jede Form des.Tötens hat und dem Armen gegenüber, dem Bedürftigen, der ihn angeht,, wesentlich williger zur Hilfe ist als irgendeine andere Schicht von Bürgern oder heutigen Menschen. Fragt man ihn aber: „Wie bist du, national gesprochen?" so antwortet er, wieder mit allem Recht, er sei ein loyaler Staatsbürger nach dem Maße dessen, was heute so genannt wird, und empört sich Segen die antisemitische Pöbelei, gründet einen schwächlichen Abwehrverein °<3er wendet sich als „vom Antisemitismus nicht betroffen", verdrängend und fessentimental ab, um eines Tages, selbst voller antisemitischer Affekte, sich gegen das deutsche Judentum nicht, sondern gegen den jüdischen Geist zu Menden und Sperrgesetze gegen die Ostjuden zu verlangen*). *) Man vergleiche Arthur Trebitschs dumm-infames Buch „Geist und Judentum".

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