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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 388

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
388 (sequence 16)
Language
German
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IRI
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388 Arnold Zweig: Der heutige deutsche Antisemitismus So also fragend kommt man nicht zu greifbarem und klarem Ergebnis, weil diese Fragestellung selbst dem Problem ebensowenig adäquat ist wie etwa eine, die Minerale nach ihrem Geruch klassifizieren wollte. Die Frage nun, auf die uns eine Antwort werden muß, heißt: wie beschaffen ist das Leben der deutschen Juden, nach den Werten beurteilt, die Leben als solches trägt? Ist es aufsteigend, beharrend oder untergehend? Harmonisch oder dissonierend? In gerader Linie verlaufend oder von Konflikten gekreuzt? Und, an den besten Trägern dieses Lebens geprüft, siegreich oder tragisch? Und mit völliger Klarheit ergibt sich jetzt die Antwort: niedergehend, dissonant, konfliktvoll und tragisch; niedergehend als Teil des jüdischen Volkes, dissonant zum Deutschtum, konfliktvoli im Verhältnis zur Öffentlichkeit und voll tiefer Tragik für die edelsten und wertvollsten Individuen, sofern sie innerhalb der deutschen Kultur und als Teil des deutschen Volkes ihren Ort sehen. Diese Tragik und all die anderen Merkmale werden vom Antisemitismus nicht geschaffen, sondern durch ihn nur ersichtlich; sie'brauchen das Lebensgefühl des Einzelnen nicht zu belasten, ja seinem Selbstbewußtsein durchaus nicht offenbar zu sein, und sie gelten alle vornehmlich aus der Perspektive des jüdischen Volkes gesehen. Dies aber ist unser Ort, auf dem wir stehen. Das Judenvolk kann und wird auf diesen seinen Teil nicht Verzicht leisten. Es weiß am besten, welche Fülle von Werten in diesem Konglomerat von Familien, Gemeinden, Parteien und Individuen verkörpert ist; es sieht vor allem den Weg, um aus den Konflikten herauszuführen, Dissonanzen aufzulösen und die Tragik durch Einheit zu überwinden. Gerade weil das Leben des Menschen, gestellt zwischen sein göttliches Gesetz und seinen tierischen Ursprung, an unvermeidlichen Konflikten reich und von tiefer und ewiger Tragik durchzogen ist, gerade weil der Mensch selbst Dissonanz ist und sein Leben kaum lang genug für die Aufgabe ihrer harmonisierenden Auflösung, sollen nicht immer mehr Verflechtungen und Wirrnisse hineingeballt werden, ohne daß irgend wer am Werke der Sonderung ist. Mit der Leidenschaft des zeugenden Lebens selbst bewegen die Völker, beschattet bald und bald besonnt, sich auf ihren ins Ungeformte hineingetriebenen Bahnen, jedes in jedem Augenblick auf dem Wege zu seiner Zukunft und daher von letzter Verantwortlichkeit gespannt: und der Jude, national verletzlicher und allem Schaden ausgesetzter als jedes andere auf der Erde, sollte widerstandlos eine Gruppe seines Blutes hinabgehn und sich auflösen sehn? Über jedes Abwehrgefühl und die tiefe Gleichgültigkeit der deutschen Juden hinweg werden wir ihre Sache wahrnehmen: denn es ist ihre Sache, seelisch reicher zu werden, stärker, widerstandsfähiger und einheitlicher endlich, und aus dem Verwerflichsten herauszutreten, das es für Lebewesen gibt: aus der lethargischen Indifferenz und Herzensträgheit gegen ihr eigenes Wesen und Heil.

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