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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
386 (sequence 14)
Language
German
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386 Arnold Zweig: z. B. Napoleons gibt, sondern jeder, der über ihn schrieb, einen privaten Napoleon darstellte — wogegen Goethe, der vermutlich den ganzen Napoleon gesehen hatte, zeitlebens seinen Eindruck verschwieg — so gibt es noch weniger ein volles Erkenntnisbild irgendeines Volkes in menschlichen Augen. Die Geschichte der Vorstellungen von dem Sein und Wesen der Griechen sollte endlich geschrieben werden, sie wäre unendlich lehrreich und über die Grenzen unseres Schauens unterrichtend — und hier haben wir ein begrenztes, zeitlich beendetes Volk als Gegenstand der verschiedensten Anschauungsbilder; ein lebendiges Volk aber ansehen wollen und sein Sein mit Worten abmessen: wohl dem, der sich das zutraut! Wir haben bereits gesagt, daß wir in dem Differenzaffekt von Volk zu Volk, im nationalistischen Affekt einen der notwendig verzerrenden Faktoren sehen, der solche Erkenntnis fremden Seins vereitelt, abgesehen schon von der Begrenztheit menschlichen Blicks überhaupt; wie nun aber, wenn das eigene Sein eines Volkes zum Gegenstande solcher Schau wird? Gesetzt selbst, daß hier das positive Gegenspiel zu jenem Affekt, die Zentralität, welche jedes Volk in seinem Weltbild sich gibt, ausgelöscht wird durch die leidenschaftliche Forderung des Erkennenden, die er ihm zuruft: das, was ihm an Möglichem gesetzt ist, auch wirklich zu sein, sein empirisches zu seinem metaphysischen Wesen emporzusteigern und zu läutern — auch hier ist die Frage: Volk, wie bist du als Ganzes? unstellbar; sie wird stets nur in dem Sinne des: „Volk, wie seh ich dich in diesem Augenblick?" ausgesprochen werden können und mit der vollen Wucht rasender und klagender Anklage gegen ein Sein geschleudert werden, das unbeweglich und im ganzen unerkannt bestenfalls sich, vor der Wahrheit dieser Leidenschaft, über seine eigene Gebrechlichkeit beugt, um in Selbsterforschung und Selbsterkenntnis die unendliche Arbeit des Formens und Bildens an sich selbst aufzunehmen und sein Bild von sich an seinem göttlichen Ur- und Zielbild zu messen — durchwühlt von den Erdbeben der Umkehr sich auf den ewigen Weg zu machen. Aber so dringlich diese Aufgabe nach einem Sachwalter und Diener ruft, der dem Judenvolke endlich einmal sein Bild zeigt: hier ist keinesfalls der Ort ihrer Lösung. Wir haben es ja nicht mit dem Juden zu tun, sondern mit dem Gegenstande des jetzigen deutschen Antisemitismus, der deutschen Judenheit — einem völlig zerklüfteten, nur mit Fasern noch zusammenhängenden Gebilde ohne Einheit der Struktur, ohne festen Umriß, ohne Einheit des Bewußtseins zuguterletzt. Und wenn schon für ein Volk die Frage: „Wie bin ich?" keine Antwort im wahrhaften Sinne zuläßt, sondern nur, verzweifelnd und demütig an Gott gerichtet werden kann: „Herr, sage du mir, wie ich bin, denn ich weiß es nicht und sehe meinen Weg nicht mehr" — so ist sie für dies Gebilde von vorn herein unstellbar. Nur noch vage verbunden durch gemeinsame Abstammung — in welcher für die meisten keine Verpflichtung mehr erkenntlich ist —, kaum noch einig in einer religiösen Formel — die mit dem allgemeinen und gutzuheißenden Verfall dessen,

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