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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 385

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
385 (sequence 13)
Language
German
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Gruppe selbstbewußt lebt, und eine andere Gruppe ihr Führer liefert, und gar Führer der Opposition und Neuerung, der Differenzaffekt wach werden und je nach Volkscharakter und Sachlage gereizt und grollend oder wild und rasend sich äußern. Dann hilft es der zweiten Gruppe garnichts, daß sie laut und dauernd von-diesen ihr irgendwie zugehörigen Individuen abrückt: die gemeinschaftsgründende Gleichheit mit ihnen — hier Blut, Geist, Jugendmilieu, Vergangenheit — kann sie durch keinerlei Protest aufheben, und gerade auf dieses Element bezieht sich der geweckte Affekt. Mit der Erkenntnis dieses Sachverhalts betreten wir eine neue Ebene des Gegenstands: neue Blickarten tun not und neue Kategorien. 2. Alle Diskussionen zwischen Völkern wurden bisher unter der Fragestellung nach Art und Wert ihres Seins geführt. Stillschweigend setzte man voraus, daß man imstande sei, über dieses „Wie sein" eines Volkes gültige Antworten zu geben, das Relief seiner Werte adäquat oder in Graden von Adäquation zu erfassen, d. h. zentrale von periphereren Eigenschaften zu trennen, in objektiv eingestelltem Schauen die Werthaltigkeiten dieser Eigenschaften wahrzunehmen und zu ordnen, und dann synthetisch eine einheitliche und repräsentative Gestalt dieses oder aller Völker aufzurichten, und zwar so gültig, daß sie auch dem so dargestellten Volke, besäße es nur Selbsterkenntnis genug, überzeugend einleuchten müßte. Daß dieses Unternehmen die Kräfte theoretischer Erkenntnis des heutigen Menschen, möglicherweise des Menschen überhaupt, überschreitet, ist uns nach den Erfahrungen des Krieges gewiß. „Beurteile keinen Menschen, eh du in seiner Lage gewesen" — dieser Grundsatz unseres Lehrers Hillel, in welchem schließlich auch das „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet" mitklingt, gilt schon für das Individuum — um wieviel eher für jene riesig ausgebreiteten und vielfältig geordneten Individuen, als die wir Völker sehen müssen. Es bedarf eines über-mensch- Üchen, über-irdischen Auges, um sie gerecht und angemessen in der Sphäre der Wahrheit wahrzunehmen, wie es eines großen dichterischen Blickes bedarf, jenes aus übergewöhnlichem Reich her fassenden und umfangenden Schauens, um einzelne Menschen und gar repräsentative Gestalten zu sehen. Wie der Dichter sieht, indem er formt, erkennt der göttliche Schöpfer der Völker, indem er sie sein läßt; beide legen schweigend die Werte dar, in denen das Leben der Geschöpfe sich auswirkt. Aber der Unterschied zwischen dem Kunstwerk und dem Lebendigen ist ja, daß jenes eben kein Organismus und auch kein Mechanismus ist, sondern ein Sein für sich*), so daß wir die Gestalten des Dichters — dies verdanken wir ihrem nichtorganischen Anteil — analysierend erkennen können, während schon ein einziger lebendiger Mensch der Analyse spottet und nur durch die Schau seiner Taten und Werke offenbart, was er ist. Und wenn es überhaupt keine adäquate Darstellung *) Wie Moritz Keimann es an irgendeiner Stelle in seinen wundervoll behutsamen ^d weisen Prosaischen Schriften ausführt (S. Fischer Verlag).

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