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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 384

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
384 (sequence 12)
Language
German
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3^4 Arnold Zweig: keit, seit Urvätertagen bewegten Blutes. „Gedenket, daß ihr Knechte wäret in Ägypten": dieser dem Juden eingehämmerte Leitsatz stellt ihm, sobald er geistig und politisch überhaupt erregbar ist, Aufgaben sozialer Art; und er löst sie selbstverständlich auf dem Boden der jeweils radikalsten Partei, aus innerer Radikalität und weil ihm in Deutschland, in ganz Mittel- und Osteuropa, der andere Weg, der Weg durch Regierungsmaßnahmen, verschlossen war. All das sind Banalitäten, welche nur von dem agitierenden Differenzaffekt und seiner bestialischen Verleumdungsfreude aufs widerlichste umgelogen werden. Und nun stelle man sich einmal ganz lebendig vor, was eine Klasse empfinden muß, die eine andere Klasse, von deren Arbeit und Ausgenutztheit sie lebt, dank geschickter Gesetzgebung und kapitalistischer Ordnung des Lebens eingekreist, unbeweglich gemacht und mit physischer Arbeit überlastet hat, so daß es ihr fast unmöglich wird, aus eigenem Geiste Formulierungen ihrer Nöte und Abhilfsweisen zu erreichen: und die nun sehen muß, wie den Eingekreisten unaufhörlich Führer zuwachsen, Juden, die im vollen Besitze der geistigen Waffen sind, groß geworden inmitten der Bürgerei und eingeweiht in alle Schliche bürgerlicher Apparate — Rechtsprechung, Wissenschaften, Parlamente, Regierungen! Und weiter stelle man sich vor, was diese bürgerliche Welt empfinden muß, wenn, durch vorübergehenden Sieg der Arbeiter, ihre jüdischen Führer aus den Tagen des erfolglosen Kampfes, den Jahrzehnten erfolglosen Kampfes, plötzlich zur Macht, zur Regierung, zur vollen Sichtbarkeit repräsentativer Personen kommen! Dann verliert der affekttolle Bürger und sein Mob, dann verliert vor allem seine Jugend den Kopf: und sie, die unentwegt zur Autorität gehalten hatte, deren Lebensideal sich oberhalb der Rücken arbeitender Millionen vollzog, springt auf und überschlägt sich vor Wut, weil ihr die aspirierten Plätze weggenommen sind — von wem? von Arbeitern und Juden. Daß dieses Rache heischt, wird jeder einsehen, auch wer sich sonst auf deutsche Seelen nicht sonderlich versteht; daß aber in romanischen Ländern dergleichen nicht vorkommt, weil sich, wie auch in angelsächsischen, überall gewissenswache Jugend ihrer niedergehaltenen Volksgenossen und Mitmenschen annahm, nicht nur in folgenlosen Theaterstücken, sondern mit der Tat und dem Einsatz des ganzen Wesens, bürgerliche Jugend des Staatsvolkes selbst, keine Juden — und weil das Schulwesen jener Staaten den Lernenden ohne abgestempelten Staatsschulenweg unendlich besser stellt, als er im deutschen Schulbetrieb wegkommt, wo der sich selbst unterrichtende Arbeiter fast nie zur Universität gelangte — das gehört mit zu den kulturellen Unterlegenheiten all jener Anderen, von denen Sombart meinte, daß sie den Deutschen nichts lehren könnten — vor dem Verlust des Krieges. Aber, nur die Fakta ansehend, haben wir hier in der Lage und im Sein der Juden und Deutschlands einen objektiven Anlaß für Antisemitismus; und zwar einen mit besonderer Charakterfarbe. Es sieht fast so aus, als trete er hier mit schicksalhafter Notwendigkeit auf: als müsse überall, wo eine

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