Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 383 fürchten er keinen Grund hat, einen fanatisch fixierten Schnitt zwischen sich und den Ostjuden gezogen haben: und um so mutiger geht er nun vor, auch gegen jene, hemmungslos vor soviel Ohnmacht. Er weiß sehr wohl, daß nicht allein die Landesgrenzen die Juden einander unerreichbar machen; weiß, wie sehr diese Grenzen seelische Kraft im einzelnen Juden bekommen haben, so daß ihn innerlich nur noch zu flüchtigem Seufzer erregt, was Juden jenseits ihrer zustößt: er weiß, daß um den Ostjuden auch in Deutschland diese Grenze gezogen bleibt, ja daß selbst innerhalb des Landes, zwischen deutschen und deutschen Juden, ein Grad von Abstoßung besteht, der es ihm erlaubt, sich einer Partei zu bedienen, um die andere zu diskreditieren, zu vereinsamen und das Ganze bis zur Selbstaufhebung zu schwächen. Dies ist die Wirklichkeit, niemand kann es leugnen. Und nur eines ist zu beklagen: daß jener einst propagierte Kongreß der deutschen Juden nicht zusammentrat: grell und bis zur Unerträglichkeit schamlos hätte er das Faktum gezeigt, daß das deutsche Judentum fast bis zur Wurzel gespalten und von seinen Parteiungen paralysiert ist. Das ist die Wirklichkeit. Es gibt keinen jüdischen Machtwillen der Selbstverteidigung und der Verteidigung nationaler Existenz: es gibt nur einen Erfolgswillen einzelner, in bezug auf das Schicksal des jüdischen Volkes völlig indifferenter Juden. Und endlich gibt es den Führerwillen und das Führertum einzelner Juden, deren Verantwortlichkeitsgefühl, Kämpfertum und organisatorisches Können, deren Liebe und Verbundenheitsgefühl sich sehr wohl auf Massen bezieht und richtet, aber auf nichtjüdische Massen, auf die Menschheit — wenn man bis zu Ende sieht — ohne den Umweg über das eigene Volk, und zwar auf denjenigen Teil der Menschheit, dem zunächst sie wohnen: auf deutsche Massen. Das Seelische und das innere Verhalten des Juden zu diesem Phänomen soll im nächsten Abschnitt dargestellt werden; hier bezeichnen wir mit unserer Aussage nur den Punkt, wo am heftigsten der Differenzaffekt sich gestachelt und genährt fühlt. Als Gegenpol nämlich zu dem isolierten und faktisch apolitischen Judenkapitalisten (dessen politisches Funktionieren ihn in nichts vom nichtjüdischen Kapitalisten unterscheidet) gibt sich jedermann der jüdische Sozialist zu erkennen, der mit der geistigen Sprengkraft und Schmiegsamkeit, Bildung und Führerfähigkeit eines in bourgeoiser Umwelt erwachsenen Begabten die überzeugte Identifizierung mit dem auf Änderung der Verhältnisse angewiesenen Proletarier vollzieht. Da sich die Gebildeten und Bürgersöhne Deutschlands seit der Reichsgründung auf die Seite der Autorität und realen Macht geschlagen haben, wäre der Arbeiter auf die wenigen Auftriebbegabten aus seiner, künstlich und methodisch im Existenzminimum erhaltenen Klasse angewiesen, wären nicht Juden überall in Mittel- und Osteuropa seine natürlichen Bundesgenossen — natürlich aus ihrer faktischen Ungleichberechtigtheit innerhalb des Autoritätsstaats bismarckscher Prägung und seiner Gesellschaft, und noch tiefer natürlich-geistig aus den Antrieben seines von der Zedokoh, der sozial, gerichteten, heiß im Herzen empfundenen Gerechtig-