Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 38i Vieh, und die Seelen der ihnen anvertrauten Völker so fürchterlich an Mord, Raub, Plünderung, Unzucht und Lüge gewöhnt, daß der heutige Europäer sittlich auf der vornoachitischen Stufe lebt und sich dabei wohlbefindet. Wir aber messen hier den Juden an dem Maßstab, den er selbst in die Welt gebracht hat, an den Satzungen sittlich-religiösen Lebens, die er gelebt hat, als er nichts denn Jude war, an den Auswirkungen seines Genies, welches über die westliche Erde hin als „Geist Gottes" leuchtet; und wie man ein Shakespearesches Drama, eine deutsche Sinfonie, ein italienisches oder französisches Gemälde, eine antike griechische Plastik mit den Werten vergleicht, welche sie selbst vollkommen verkörpert haben, sehen wir den Juden unter dem Gesetz des Lebens, das er gegeben und vorgelebt hat Und nicht einmal gehen wir dabei auf die Werte aus, die dies Leben darstellte und unermüdlich fordernd bereicherte, nicht auf das Sittliche und Menschenformende sehen wir, nur auf den ungeheuren Drang, in jüdischer Gemeinschaft, in einem jüdischen Zusammenhang zu leben, als selbstverständliche Juden, Gott gegenüber sofort kenntlich durch Nachfolge seines den Juden gegebenen Gesetzes und durch die Sprache, die Sitte, die Bezogenheit auf das Land der Juden. Daß eine natürliche Ordnung dem Juden befehle, zunächst und unmittelbar auf seinesgleichen zu wirken: Brot zu essen, gebaut vom jüdischen Bauern, gemahlen vom jüdischen Müller, gekauft und gebacken vom jüdischen Bäcker, im Haus zu wohnen, das der Jude gemauert und gezimmert und auf jüdischem Grunde errichtet hatte, seinen Handel mit jüdischen Käufern und Verkäufern zu treiben und an den Armen des jüdischen Landes, ja noch der jüdischen Gasse im Ghetto irgendwo, Barmherzigkeit oder Härte zu erweisen: das galt den Juden damals als das Selbstverständliche und als natürlich-göttliche Grundgegebenheit. Und alles andere als perverser, verbannter, vom Abfall und der Awerah, vom Zorn und Strafgericht heraufbeschworener Zustand. Und heute ist dieses dem deutschen Juden der natürliche, selbstverständliche und lotrechte Zustand, und jenes andere eine geschichtliche und erledigte Tatsache, der Wunsch danach aber ein Kuriosum und etwas Empörendes zuguterletzt. Denkt der deutsche Jude heute „Richter und Recht", so steht ihm vor dem inneren Auge der deutsche Richter und das Strafgesetzbuch oder B.G.B. — und vergessen, völlig vergessen hat er, daß sein „Rabbiner" gar kein Seelsorger, sondern sein Richter war, und sein ihm zugeordnetes Recht im Talmud und seinen Erläuterungen steht, den er bestenfalls für ein Religionsdokument hält. Dies ist seine Wirklichkeit, seine Norm und lotrechte Richtigkeit. Zwischen den Völkern leben als loyaler und treuer Bürger seines Staates: das ist seine Existenz. Ohne innere Unsicherheit, ganz und gar, ohne die leiseste Spur von Ahnung daß dies das Natürliche nicht ist, gibt er sich, geben wir alle uns dem öffentlichen Leben des deutschen Staates hin: um daheim allenfalls Juden zu sein, oder es, von der Mehrheit zu reden, nicht einmal zu sein. Dies ist, noch einmal, unsere heutige Wirklichkeit: und dabei pflanzen wir uns weiter fort als Juden,