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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 380

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
380 (sequence 8)
Language
German
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38o Arnold Zweig: Und was ist aus ihm dabei geworden! In welcher Gestalt steht er jetzt vor den Antrieben seines innersten Wesens und vor seiner riesenhaften Schöpfung, dem Geist seines früheren Lebens, den Worten Möschens und der Propheten, der Gestalt Jeschu und der ersten Christen, den unermüdlichen Mahnungen so vieler Lehrer, dem Genie des Chassidismus, dem liebevollen Geist der Zedokoh, der noch heute in Gestalten und Gemeinden des Ostens da und dort spürbar ist! In gar keiner Gestalt, das ist das Furchtbare. Er ist unsichtbar und ungreifbar geworden selbst für uns, in deren Zorn noch Gemeinsamkeit und Einheit mit ihm ist. Einzig der gesetzestreue Jude, wenn er es von innenher und ganz ist und die Hand des Unrechtes an ihm abgleitet, zeigt in einer Teiliorm seines Lebens, eben der jüdischen, und in der Rechtlichkeit auch seines allgemeinen Tuns noch eine unverwechselbare Gestalt. Aber wie viele von solchen Juden gibt es noch? Und wie viele vertragen die Prüfung auch dort, wo ihnen ein ewiger Kampf auferlegt ist, in der Sphäre des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens? Wo haben sie ihre Hand von all dem unleugbaren Unrecht abgezogen, das zwar heute geltendes Recht des Kapitalistenstaates ist, vor der Entscheidung der strengen jüdischen Gesetzlichkeit aber Unrecht ist und bleibt? Und gar erst all diese anderen Juden, Atome von stets sich wandelnder Struktur: woran sie erkennen, wie sie fassen, wie ihr Gemeinsames feststellen? Konservativ und aristokratisch, liberal und Demokrat, Revolutionär und Sozialist, Kapitalist und Kleinbürger, Wissenschaftler, Künstler, Religiöser: in allen Gestalten der modernen Gesellschaft hat sich der Jude verborgen, alle Züge seines Wesens aufgelöst und alle Haltungen seines Umvolkes in sich aufgenommen bis zum völligen Schwund seines Wissens und Ahnens von sich selbst. In diesem Augenblick, da der immerwährende Krieg und sein Gefolge von wirtschaftlichen und politischen Umschichtungen die Ordnung der Ostjudenheit zerreißt, schwindet der letzte Ort jüdischen Gesamtlebens: und mit ihm die letzte Möglichkeit, jüdisches Lebensgesetz gelebt zu sehen, bis Palästina die neue Ordnung jüdischer Gemeinschaftsbildung ermöglicht. Heute aber, in den Tagen des Übergangs: wohin sehen, um wirkliche Juden zu sehen? Es muß hier ein Zwischenwort und Maßstab hergesetzt werden, um recht verstanden zu sein. Messen wir den Juden mit demselben Maße wie alle anderen Völker, so hat niemand ein Recht ihn anzuklagen, niemand. Hat der Jude das Gesetz „Du sollst nicht stehlen" verletzt, so haben sie alle noch mehr gestohlen, dazu vier Jahre lang („Kriegsnotwendigkeit") ganze Länder mit Raub und Gewalttat ausgeplündert, verheert, verbrannt und zerstört, und unter ihnen alle Zentren des ostjüdischen, ja des jüdischen Lebens (Palästina!) unbewohnbar gemacht; haben dort die unerhörteste Not des Lebens geschaffen, alle Sittlichkeit zerquetscht und all das mit der Miene von rechtlich Handelnden lügnerisch, heuchlerisch, gnadenlos fortgesetzt. Zu allem anderen aber haben sie, was der Jude nie getan hat, für die egoistischen Interessen einzelner Klassen Hunderttausende in den Tod getrieben wie

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