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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 379

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
379 (sequence 7)
Language
German
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man ihnen wölfisch begegnet war, antworteten sie wölfisch, trotz der Mahnungen und Anklagen ihrer Lehrer und Gerechten, die stets in ihrer Mitte lebten und den Geist der Gesetze lebendig zu halten suchten. Sie wurden Ausbeuter, daran ist nichts zu deuteln, auf allen Gebieten der Wirtschaft: sie beuteten nicht die Arbeitskraft ihrer Bauern aus wie alle Ritter, Herren und Fürsten vor und nach den Bauernaufständen in allen Ländern, auch nicht, wie alle Kolonisationsstaaten, die Länder und Schätze von niedergemetzelten Menschenvölkern — weiße im slawischen Osten, farbige über See —, zu denen jene sich in ihrer vollkommenen Rüstung und Kriegstechnik genau so übermächtig verhielten wie eine Schar von Trustkapitalisten heute, in ihrer ökonomischen Rüstung und Technik, zu den Legionen der Verbraucher und Arbeitenden; auch nicht Kraft, Gesundheit und Leben der Völkeruntertanen wie Fürsten bis auf den gestrigen Tag: sie beuteten „die Wirtschaft" aus, ein Sammelding, wohlgeeignet um die Not der Einzelnen und Familien dahinter verschwinden zu machen, aus deren Arbeit und Dasein sie bestand; beuteten aus, bis es Zeit war, „den Schwamm auszupressen", als den man sie gebrauchte. Nicht einer religiösen oder rassenhaften Anlage bedarf es, um diese „Eignung" der Juden für den modernen Kapitalismus zu erklären: nur Feindschaft als Entgegnung von Feindschaft, nur Fremdheit als Antwort auf Fremdheit. In einem Gemeinwesen, verbunden durch hilfreiche Gesinnung und gemeinschaftliche Antriebe und Lebensgefühle, hätte niemals Kapitalismus als Daseinsform entstehen können: nur von fremden Individuen zu fremden Gruppen war er möglich und dort, wo physische Gewalt zur Ausbeutung nicht anwendbar war — fremd wie der Lombarde im Norden, der Deutsche in England und dem Baltikum, der Graf „seinen" Bauern, der deutsche Ritter dem slawischen Unterworfenen, so fremd war der Jude in der entstehenden und sich ausbildenden Wirtschaftswelt des ausgehenden Mittelalters und der neuen Zeit, und so raubte er wie jeder Räuber mit den eingesessenen Herren um die Wette. # Statt ihrer „legitimierten" Gewalt hatte er seine intellektuelle, statt ihrer Hand auf allen Erzeugnissen des Bodens schob er die seine in die Lücken der Wirtschaft — aus Abfällen und Altwaren zog er Geld und auf den unsichersten Zonen neuer Rechtsgefühle und Erfolgsmöglichkeiten erraffte er ohne Hemmung, indem er, da fremde Arbeitskraft und öffentliches Bedürfnis jedermann zur Ausbeutung offen standen, von der Not seines Lebens, der Übung seines Blicks, Denkens, Organisierens und Rechnens, der helleren Raschheit seines Mittelmeertempera- *nents und der rücksichtslosen Unverbundenheit seiner Fremdheit vorangeworfen, das schaffen half, was heute zum Rückgrat des öffentlichen Wesens und Unrechts geworden ist und was aus seinen Händen längst in die der langsameren, aber nicht minder rücksichtslosen Eingesessenen des Landes übergegangen ist: Verkehrswesen (Eisenbahnbau, Schiffahrt), Geldwesen, Warenhaus, Presse, Fabrikation, Handel jeder Art, Industrieen — die moderne Gesellschaftin ihrer ganzen Entseeltheit, Mechanisierung, Verwerflichkeit und Lüge.

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