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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
378 (sequence 6)
Language
German
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378 Arnold Zweig: vertrieb, und sind immer wieder in die alten Städte und Stätten zurückgekehrt, sobald mans ihnen erlaubte. Weil sie die Orte des ehemaligen Wohlergehens nicht vergessen konnten — überall, aller Orten, ging es ihnen eine Anfangszeit lang wohl, solange sie wenige blieben und weil der Impuls des Zusammenwohnens und -lebens in Zeiten unnationaler Geistigkeit stärker war als der der Abstoßung, der erst durch die Kirche geweckt wurde (Grenzzeit in Frankreich z. B. das 10., in Deutschland das 13. Jahrru) — weil sie die Gräber der Märtyrer und der Väter als heiligen Boden, von dem ihnen Kraft zu dulden ins Herz strömte, immer empfanden, weil sie immer wieder an bessere Zeiten und größere Erleuchtung der Völker glaubten; weil sie Ort und Markt ihres Erwerbs kannten und gewissen Druck dem ungewissen der schon gefährlich gewordenen Fremde vorzogen — vor allem aber weil sie auf das Kommen des körperlichen Messias, des Davidsohnes und seiner prophezeiten Vorzeichen in der materiellen Welt harrten und Gott nicht ungehorsamen durften, der sie in dies Land und an diesen Ort gesetzt hatte, um zur rechten Zeit sie durch Engel und Wunder von den vier Ecken der Windrose wieder einzusammeln, der aber ihnen zur Läuterung für Abfall und Sünde wider Wort und Sinn seiner Lehre all dieses Grauen, diese moralische und körperliche Folter zugeurteilt hatte, welche Geschichte der Juden in der Zerstreuung heißt, damit sie dennoch in jenem Leben, vor dem göttlichen Angesicht, zu bestehen vermochten: aus solchen Gründen, von Fall zu Fall, ja von Individuum zu Individuum anders gruppiert und betont, blieben die Juden in den Ländern, die nicht die ihren waren, wohnen, und während die Völker sich wandelten, formten auch sie sich um, aber weit unmerklicher, indem sie einen Kern bewahrten: den Wortlaut der Lehre und einen Teil ihres Geistes. Jenen Teil nämlich, der das Leben innerhalb der Gemeinde regelte; und auch er ward immer kleiner, je weiter die Zeit zersetzend an der religiösen Seele schabte. Das Leben nach außen aber ließen sie allmählich, und das ist ein zweiter Grund in ihnen, sich von den Feindschaftstendenzen der Umwelt vorschreiben. Sie hätten von übermenschlicher Geduld, Reinheit, Unangreifbarkeit und Menschlichkeit sein müssen, wenn sie, nach all den Mißhandlungen, Feindschaft nicht mit Feindschaft hätten bezahlen sollen: ihre Waffe ward die wirtschaftliche, die allein man ihnen ließf ja die man ihnen aufgedrängt hatte, das Geld. Daß sie es erst nach einer langen Phase der Feindseligkeiten anwandten, ist bewiesen (vgl. Coudenhove S. i8off., 4i2n\), in der großen judenfeindlichen Literatur zwischen Antike und 12. nachchristlichen Jahrhundert gibt es nicht eine Anklage gegen das Wirtschaftsgebahren der Juden (Wucher); dann aber bedienten sie sich seiner, und in allen Formen. Daß sie sich zu diesem ihnen aufgezwungenen Gebiete schöpferisch verhielten und, wie Sombart (a. a. O.) nachgewiesen hat, ihren Teil an der Ausbildung des modernen Kapitalismus nahmen, ist nicht erstaunlich, da sie sich ja immer und auf allen Gebieten als Schöpfer bewiesen, extrem im Guten wie im Bösen, nie matt, mittelmäßig und zum Nachmachen geeignet; und da

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