Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 377 oder gleichzurichtenden verbindende Bahnen des Blutes, der Sprache und des Geistes, der Wege und des Ziels führen. Uns ist gesetzt, diese Verbundenheit zu bejahen, die Form dieses Ja ist das Tun des Menschen am Menschen unter dem großen Blick des göttlichen Ziels. So ist verbindende Gesinnung unter den Mitteln, mit denen wir das große Chaos bekämpfen, das vornehmste, stärkste. Verbindende Gesinnung, jene innere seelische Möglichkeit der Erfassung auch anders gelagerter und orientierter Wesensmöglichkeiten, die ohne den Zweifel an der apodiktischen Verbindlichkeit des eigenen Seins nicht möglich und ohne Sinn für die Werthaftigkeit der Typenfülle des Seins nicht denkbar ist, verbindende Gesinnung und Antisemitismus schließen einander aus. Denn daß die andersempfindenden Deutschen, welche Judengenossen genannt werden, von derselben radikalen Entwertung getroffen werden wie alles Jüdische, das allein zerstört schon selbst die engste Bindung, die nationale; und dazu kommt, daß sehr viele Juden in Deutschland in der Tat weit mehr Deutsche sind als Juden und daß, indem man sie ab- und ausstößt, Deutschtum bester Art verstoßen wird* Selbst diese an sich verehrte Bindung nach willkürlichen Maßen zerschneiden, und dann noch nationales Sein, nationale Kultur repräsentieren wollen: so kann nur der Affekt sich selbst verkehren; und damit wollen wir ihn verlassen, und endlich unseren Blick auf den richten, der den Anprall des Affekts auszuhalten hat, den Juden, den deutschen Juden. C. Der jüdische Anteil, i. Es könnte scheinen, als sei der Verfasser der Meinung, nichts sei am Antisemitismus schuldloser als das Judentum; als sehe er es in der Rolle des armen Lämmchens unter die Wölfe gefallen, als schreie seine Schuldlosigkeit zum Himmel, der durch nichts anderes als durch die fürchterlichsten physischen und moralischen Leiden dies Volk auserwählt habe und zu nichts es dauern lasse als um einen Maßstab für die Bestialität der Nationen zu haben. Nun, scheint es so, so scheint es falsch. Wenn jemand, wie in dieser Untersuchung geschah, den Antisemitismus mit seinen Wurzeln zu geben versucht hat, wenn er in sachlichem Nachweis unternahm, ihn aus sich selbst zu analysieren, kommt er schließlich zu dem Punkte, wo er in der Kurve des Erkennens vor der Frage steht: Und die Juden? Woher das Besondere dieses Abstoßungsimpulses verglichen mit denen der Bayern gegen die Preußen, der Franzosen gegen die Deutschen, der Weißen gegen die Gelben und Schwarzen, der Chinesen gegen die fremden Teufel? Haben die Juden nicht, dem seelischen Wesen und der nationalen Lage nach immer wieder Anlässe zur Aktivierung der Gegengefühle gegeben, Druckstellen, an denen die Völker sich, die ach so empfindlichen, Entzündungen und Eiterherde ihres geistigen Leibes holen konnten oder mußten? Ohne Zweifel, das haben sie getan. 'Zunächst haben sie, die sogenannten, Nomaden, mit unbegreiflicher Zähigkeit in den Ländern der ärgsten Bedrückung gesessen, so lange bis man sie