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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
376 (sequence 4)
Language
German
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376 Arnold Zweig: seelischer Last hat er vor sich selbst Recht und Wert. Diese seine kathartische Möglichkeit aber weist wiederum hin auf die ihm immanente Aufforderung an seinen Träger, von der wir eben noch sprachen: er will Gebilde werden, das mehr ist als er, erlöst durch Gestaltung: sie wird ästhetischer Art sein oder ethischer je nach dem Genius des Volkes, Drama oder Sittengesetz, Reinigung der Leidenschaften oder ihre Bindung in religiöser Lebensführung. Dort aber, wo er beidem widerstrebt, wo er zu beidem seinem Wesen nach impotent ist, da in ihm nicht positive Gewalt, sondern nur Negation des Anderen waltet, wird er der barbarische Pegel sein müssen für den allgemeinen Tiefstand der Völker und Kulturen. Als Aischylos die „Perser" gestaltete und den siegreichen Griechen den Jammer der Besiegten auf der Bühne darbot, und als Euripides in den „Troerinnen" das ungeheure Elend und die Sinnlosigkeit des Siegens an den leidenden Frauen aufzeigte, standen sie gegen den nationalen Differenzaffekt in dem gleichen Kampfe, den Äristophanes nicht müde wurde, mit großartigem Hohne zu führen (am leuchtendsten in den „Acharnern"); jeder von ihnen gab eine eigene Stufe in seiner Bewältigung. Die andere Form steht für die westliche Erde in den mosaischen, talmudischen und christlichen Gesetzen über das Leben mit dem Fremdling „in deinen Toren" und „auf dem Markte". Beide Anfänge sind fortgesetzt und vergessen worden; heute stehen wir vor den Trümmern einer Kultur, die den Differenzaffekt, den Krieg aller Völker gegen alle, zur Maxime des öffentlichen Lebens machte: und wir sagen das letzte Wort zur Bewertung des Antisemitismus, wenn wir sagen, daß ohne verbindende Gesinnung Kultur überhaupt undenkbar ist, heute, am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, wie zu Zeiten der mosaischen Gesetzgebung und der Bergpredigt. Und so mündet, wie jedes Anpacken menschlicher Aufgegebenheit, auch die Untersuchung des antisemitischen Affekts in die große klärende Aufgabe des Menschen: in den Kampf gegen die unkontrollierten, unerhellten Mächte, die außer, zwischen und in den Menschen wirken, gegen das Dunkel, das uns umgibt, aus dem wir stammen und in das wir vergehen. Gleich weit entfernt von der platten Befriedigung eines unvermeidlichen Fortschritts, einer verbürgten und automatischen Entwicklung des Menschen zu seinem heutigen „Hochstand" und darüber hinaus, wie von dem gläubigen Vertrauen des kindhaft Frommen in das unerforschlich gute Walten einer allwissenden Gottheit, sind wir ein Geschlecht suchender und leidenschaftlicher Arbeiter an der Erkenntnis jenes Geistigen* das uns die Entbarbarisierung der Erde und die Reinigung unserer menschlichen Seele zum Ziel gesetzt zu haben scheint, jenes göttlichen Geistes, dem wir tätig dienen und zu dem alle redlich gegangenen Wege wohl führen werden. Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens, Versittlichung des Lebens beginnt bei jedem Ich; aber unmittelbar einleuchtend sagt uns Erkenntnis dieses Lebens, daß es weder ein isoliertes Ich noch eine einsam ringende Seele gibt, daß vielmehr mit ihm gleichzeitig alle anderen Seelen gesetzt sind und daß zu den gleichgerichteten

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