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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
375 (sequence 3)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 375 Kräfte wirken unablässig und so langsam wie kosmische und tellurische Kräfte zu wirken pflegen, nämlich unter der Optik grenzenloser Dauer, Und so ist der Mensch ein junges Organ, mit einer herrlich-grenzenlosen Offenheit des Blickes in Jahrtausende vor sich: wahrhaftig kein Anlaß zu Ekel und Verzweiflung außer für jene Hochmütigen, die sich nicht ertragen, wenn nicht als Höhen und Gipfel des Seins. Unter dieser Perspektive aber frage man nun nach der Wirkung und Rolle jener Ideen, die sich am Antisemitismus als Überbau der Affekte enthüllt haben und deren Allgemeinheit auch im Überbäucharakter der Krieg und seine Folgen uns deutlich zeigen: sind sie selber darum entwertet? Entwertet ist ihre Scheinhaftigkeit, nicht sie selbst; entwertet ist ihr Mißbrauch, entwertet die Anmaßung, die sich ihrer bediente, entwertet der Geisteszustand der Völker — nicht sie selbst. Die Aufgabe heißt: ins öffentliche Leben das Bewußtsein prägen, daß es nur einerlei Sittlichkeit gibt: daß die Unterscheidung zwischen persönlicher Moral und politischer eine radikale Unsittlichkeit selbst ist — und eine Dummheit, ersten Ranges, die ihre Träger am tiefsten trifft. Ob die Apostel der „politischen Immoralität" das gelernt haben? aber sie werden es lernen. Sie werden lernen müssen, was Nationalismus, was das Kriegerische, was Eroberung und Wille zur Macht einzig sein kann — und da im Zusammenhang dieser Betrachtung, am Schlüsse, wenn wir Näherliegendes gesagt haben werden, der Ort ist davon noch einmal zu reden, werden wir unsere Überzeugungen dort auszusprechen haben. Nur gegen eines ist Klarheit schon jetzt erreicht: gegen die Vergötterung der Affekte selbst. Der antijüdische Affekt — und in ihm jeder andere, gleichartige Abstoßungsaffekt von Gruppe zu Gruppe — ist von uns betrachtet und dargestellt worden ohne das Pathos der Trübung: aber um so reiner ergab sich sein Charakter, den wir jetzt noch, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, mit Namen nennen. Er ist zunächst nichts Unveränderliches; vielmehr liegt in seinem Wesen und seiner Offenbarung die Aufforderung an den Menschen, der ihn hat, ihn zu verarbeiten, ganz in dem Sinne wie die Begierde nach allem, was Gefallen erregt, verarbeitet worden ist, nach einer Richtung zur Tauschwerte schaffenden Arbeit, nach der andern Seite zu dem den Tausch regelnden Recht, und nach der dritten, wichtigsten, zur Bildung der sittlichen Mächte der Selbstbeherrschung, der Werterkenntnis und des freien redlichen Verzichts. Die Kraft leidenschaftlichen Antriebs, die in ihm wirksam ist und die zu Taten drängt, waltet in ihm noch roh, zerstörend, und selbstzerstörend; die Zielsetzung, auf die er losgeht, ist noch ganz unerlöst durch Erkenntnis und ungezähmt durch Weisheit; noch ist er mit Neid und Minder Rachsucht nahe verwandt, böse in einem Sinn, den kein Nietzsche vergolden kann, oder leichtherzig und verantwortungslos wie das Kind: zwischen Caliban und Papageno ist seine geometrische Kurve eingespannt. Und ferner ist ihm nur in einer einzigen Form gutes Gewissen eigen: nur in seiner Funktion als Ventil der Seele, als Ausbruch und Erlösung von angestauter 25*

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