Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Arnold Zweig: ihnen die Völker nicht überall dieselbe Mißhandlung angedeihen ließen — hier ist die Möglichkeit einer Abstufung von Kulturen gegeben — aber wer, vor einer solchen Generaloffenbarung, kann Lust haben nach Nüancen zu fragen! In Angelegenheiten der Beziehungen zwischen Gruppen innerhalb der Völker und zwischen den Völkern selbst waltet als bestimmende Kraft der blinde, dumme, leidenschaftlich sich ausrasende Affekt: erster Grundsatz politischer Erkenntnis. Mögen die Juden sich das gesagt sein lassen; mögen sie es sich zur Ehre anrechnen, daß an ihnen, als einem Prob- und Prüfstein, der allgemeine Zustand sich am dauerndsten offenbarte; wir werden noch sehen warum. Es ist verständlich, daß vor solcher Offenbarung sich tiefste Niedergeschlagenheit und ein allgemeiner grenzenloser Ekel all derer bemächtigte, die an die Echtheit obgenannter Ideologie geglaubt hatten, deren Verkünder und Wortführer, Weiterbildner und erste Opfer sie waren: der nationalen Idealisten. Und verständlich ist auch, daß sie, statt nur an ihren „Erkenntnissen" zu zweifeln und einzusehen, daß sie die Wirklichkeit ein wenig zurückgesetzt hatten hinter der Idee und den Ideen, an den Völkern verzweifeln, ja am Menschen überhaupt. Rührender Überschwang! Weil der Mensch das nicht ist, was sie von ihm erwarteten, soll er sogleich — nichts sein? Weil das Natürliche und Bestiale in ihm noch immer die Ober- und Überhand auf alles Geistige legt, fällt von ihnen, denen die jetzt schweigen und angeekelt sich in geistige Werte und Welten vergraben, jeder Mut zu öffentlicher Mitverantwortung ab? Fünfzigtausend Jahre etwa haben am Menschen geformt bis zu dem Augenblick, wo das beginnt, was heut Geschichte heißt; und keine sechs Jahrtausende vermögen wir — wie unvollkommen! die gemeinschaftsbildenden und -beherrschenden Kräfte am Werke zu sehen. Was in diesen Zeiten sich herausgebildet hat, zeigt unser Tiergeschlecht noch immer unterwegs; aber eine Zunahme an Weisheit, Geduld, Klarheit und Kraft ist deutlich zu sehn; zu sehn sind Versittlichung der Individuen, Ausbildung hoher Einzelner, deutlich von Kräften der Sympathie und des Gemeingefühls beherrschte Einzelgruppen und eine erschütternde Anstrengung, die den Einzelnen anerkanntermaßen bindenden sittlichen Gesetze auf die Beziehungen zu übertragen, die, von Affekten noch beherrscht, zwischen den Völkern sich ergeben; zu sehen auch das mächtige Lento, das diesem neuen Satze der Sinfonia humana vorgeschrieben ist. Ach, dies unermüdliche und so langsame Tier, „Menschheit" genannt: kann man seine ungeheuerliche Qual um Klarheit, Reinheit und Gerechtigkeit ansehn ohne ein begeistertes Weh in der Brust? Findet sich, vor diesem Anblick, auch nur ein Gran von Recht zu Verzweiflung und Ekel? Wer auch immer im Tempo des Menschen sich getäuscht haben möge: über den Menschen selbst sagt seine Enttäuschung nichts aus. Die ordnenden Kräfte, die im Kosmos der Sterne und Milchstraßen walten, und deren Erkenntnis-Organ der Mensch ist, welche in Sittlichkeit umzusetzen vielleicht die Funktion des Menschen im All sein könnte und jedenfalls nach jüdischmythologischer Auffassung, ausgedrückt im Schöpfungsmythos, ist — diese.