Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 373 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ARNOLD ZWEIG I DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISMUS Vier Aufsätze II. Antisemitismus als jüdische Angelegenheit B. Bewertungen. So weit gekommen sein heißt ein Fazit ziehn müssen. Was bedeutet die gewonnene Erkenntnis für den Bück aufs Allgemeine, auf den Zustand der weißen Menschheit, auf die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts? Aber umgekehrt: fragen wir doch einmal, ob unsere Erkenntnis in ihrer Breite und Symbolhaltigkeit vor 1914 überhaupt möglich gewesen wäre! Damals galt der Antisemitismus in Deutschland als ein beklagenswerter Atavismus, das ganze politische Leben sonst aber gab sich aus als bewegt von Ideen; Politik, innere und äußere, getrieben von geistigen Strömungen: da rang die Idee des Staates mit der Idee des freien Menschen, die Idee des Sozialismus mit der Idee der Rangordnung, da stand das Ideal der allseitig ausgebildeten Persönlichkeit gegen das Ideal der äußersten Arbeitsteilung, das Ideal der Frauenentsklavung gegen das Ideal des häuslichen Herdes; und ganz so philosophierte man der äußeren Politik einen wundervollen Überbau zusammen, der noch heute im Schlagwortkatalog der Parteien spukt — unverbindlicher, blasser, rührender — und der, nach letzten Dingen orientierend, Spiel und Gegenspiel der Völkerbeziehungen in einer erhabenen Sphäre aufzeigte. Und heute? Sechs Jahre nach jenem Datum des Kriegsausbruchs, das metaphysisch zu verklären die besten deutschen Federn nicht geruht noch gerastet hatten? Heute zeigt sich, daß damals der Antisemitismus den wahren Stand und Grad des Durchschnitts-Deutschen angegeben hatte, vielleicht des Europäers und weißen Menschen überhaupt. Heute zeigt sich, daß, im Augenblick wo Ernst, Not und Tod, Sein und Nichtsein die Wahrhaftigkeit menschlicher Vergeistigung erweisen sollten, von all den Ideen und Idealen nichts übrig blieb als ein Rudel von Affekten, blind nach allen Seiten beißend, vorstoßend, heulend und sich überschlagend. Heute zeigt sich, daß jedes Volk unter der Herrschaft solcher Affekte der gegenseitigen Abstoßung steht, und daß jedes sie tfiit einer Ideologie überbaut hat, die es nicht nur ernst — die es für seiend nahm, für den wahren Antrieb zu allen Wertungen und Taten* Es ist gewiß, daß trotz Krieges in den Völkern Einzelne lebten, die mit allen Kräften sich dieser tobenden Meute von Trieben zu entziehen versuchten; gewiß auch, daß Heft 7. 25