Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Über die jüngste Sohar-Anthologie
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 368 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Umschau: Bücherschau mit „während der Heiligkeit des Tages", was nun gerade die einzige Übersetzung dieser Wendung ist, die sicher falsch ist (denn den hier folgenden Segensspruch sagt man ja gerade nicht „während der Heiligkeit des Tages", d. h. ** anr Sabbat selbst, sondern nur — wie es auch wörtlich heißt — „in seiner Heiligung", d. h. im Gebet bei Anbruch des Sabbat), gehört auch hierher. In dem Stück „vom Verschwinden des göttlichen Gesichtszeichens" ist der Sinn im Grunde dadurch ganz verfehlt, daß dejokna, einer der wichtigsten und häufigsten Begriffe .des Sohar, ganz falsch nicht mit Gestalt, sondern „Gesichtszug" übersetzt ist, womit es gar nichts zu tun hat. Es handelt sich hier um das unantastbare, nur in der Sünde zu verletzende Urbild, die mystische Gestalt des Menschen, die von Gott herstammend aller Kreatur vorgeordnet ist und sie bezwingt Im deutschen Text ist jetzt alles schief. Am Schluß desselben Stückes entsteht ein vollkommen falscher Eindruck vom Sinne der Stelle durch die verdrehende, aber pompöse Übersetzung des aramäischen Nune, Fische, mit „Wale": „und alle Fische des Meeres sind in euere Hände gegeben — ja sogar die Wale des Meeres". Jeder Leser muß denken, es sei gemeint: unter den Fischen sogar die Wale, während es vielmehr bedeutet: unter all den vorhergenannten, in diesem Vers nicht mehr miterwähnten Tieren sogar die Fische —- ja sogar die unerreichbaren Fische des Meeres sind in seine Macht gegeben. Von „Walen" steht nirgends etwas. Offenbar aber ist diese den Akzent so stark verschiebende Gespreiztheit aus dem falschen Streben entstanden, die beiden verschiedenen Textworte für Fische — die hier ganz einfach darin begründet sind, daß das eine im Bibelzitat und das andere in dessen wörtlicher aramäischer Wiederholung steht, denn eben darum und nicht um Steigerung handelt es sich! — auch durch zwei Worte im Deutschen auszudrücken, wobei dann jene unglücklichen Wale erzeugt wurden. Überhaupt scheint der Übersetzer bei den Schlüssen besonders stark dem Irrtum ausgesetzt gewesen zu sein: von den fünf Schlüssen, die eine besondere Pointe enthalten, sind vier verdorben. Sehr charakteristisch ist z. B. der des zweiten Stückes, wo der Übersetzer das Schlußwort einfach weggelassen hat und der richtig so heißen muß: „Diese Perle entstand unter deiner Hand, eine Perle sei sie in deinem Geschlechte." Und auch den feierlichen zionistischen letzten Schluß schützen seine messianischen Lettern nicht vor der Feststellung, daß er imSohar nicht zu finden ist, es sei denn, man pfeife auf aramäische Sprache und Syntax und mache aus: „Geschworen habe ich am Tage, da das Urteil von mir gefällt ward: Bis sie Buße tun", das, was man gedruckt liest: „Einen Schwur schwöre ich, daß ich an jenem Tage die Strenge verweise vor mir, an dem sie umkehren." Das war früher einmal die Sprache des Prager Bar-Kochba und ist jetzt die des Berliner Blau-Weiß, niemals aber war es die Sprache des Sohar. Soll man diese Aufzählung noch weiterführen *)? Ist es nicht klar, daß wer solcherart leichte und im eigenen Lichte leuchtende Texte durch bengalisches Feuer zu Tode hetzt, wer vor jeder semitischen Konstruktion versagt und jeder deutschen die Gelenke ausdreht, daß der gut daran täte, seine Hände nicht öffentlich nach dem Sohar auszustrecken und erst einmal zu lernen, was er zu lehren unternimmt. Es muß ja nicht gleich gedruckt werden, und jenes Interesse der Leser, sei es nun rein oder unrein, muß ja nicht gerade zur Erzeugung dämonischer Sprachzwitter ausgenutzt und mißbraucht werden, durch deren Ekstasen zwar mancher in die Hölle hineinkommen könnte, sicher aber keiner hinaus. Diesem Deutsch fehlt zum Zauber die echte Magie und ich gestehe, vergebens versucht zu haben, den Rhythmus eines Soharabschnittes in dieser Übersetzung meinem Ohre einzulesen. Ich wage nicht zu entscheiden, wenn ich auch ein wenig daran zweifle, ob es wahr ist, was der Übersetzer im Nachwort vom Sohar behauptet: „Der Seele Tiefstes wird in einfachstem Ausdruck offenbar", das aber weiß ich sicher, daß weder die Übersetzung noch die Stilisierung» dieses Satzes selbst würdige Zeugen seiner Behauptung sind, und jene grundlose, wenn auch nicht abgründige Tiefe, die im chimärischen Glänze einer wesenlosen Sprache sich darstellen soll, ist verdächtig. Der wahre Abgrund der Sprache aber ist mit dem Namen der Erkenntnis versiegelt. - Die Worte und die mystischen Dinge haben keinen „Duft", es sei denn, daß sie einer vergewaltige, und nicht die *) Absichtlich -habe ich keine Beispiele aus dem Stück „Das Schauen des Göttlichen" gebracht, das das bedeutendste der Sammlung ist. Der Übersetzer hat es — man verzeihe diese Worte, wo es dem mystischen Präziösentum den Schädel einzuschlagen gilt — so schmachvoll unverständlich zugerichtet, daß nichts anderes übrig bliebe, als das ganze Stück abzudrucken und einer anderen Übersetzung gegenüberzustellen. Hier feiert die Ignoranz des Ekstatikers der Undeutlichkeit einen wahren Hexensabbat, und wenn schon der Wille des Königs weder oben noch unten noch im leuchtenden Spiegel des Auges erscheint, weil wir und unsere Augen schwach sind, so ist er nun doch sichtbarlich und weltlich eingebannt in die Hölle des Geschwätzes.