Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Über die jüngste Sohar-Anthologie
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 369 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Bücherschau 369 Nase des Ästheten, den die Dämonen narren, sondern die harte und strenge Arbeit der Erkenntnis ist allein das Medium, durch das hindurch die Trümmer unseres heiligen Besitzes zu neuem Leben erweckt und umgestaltet werden können. Schon lange warten die stummeren Teile unseres Schrifttums, und nicht die Mystik allein, auf erkennende Liebe, die ihre Aura schaut, und daß nicht der Rausch von Genießenden, die am erlogenen Dufte trunken wurden, den mühseligen Weg beschmutze, daß den Drogisten, die solch Parfüm erzeugen, der Handel mit gefälschter Ware aufs möglichste erschwert werde, solange sie fast allein den Markt beherrschen, das darf im Namen der Aufgabe gefordert werden. Die Anthologie — und das ist heute wichtig zu sagen, wo Überschwemmung von ihr droht — steht am Ende und nicht an ihrem Anfang, und gar ein Widerschein der Aura, die nur ganz oder gar nicht geschaut wird, existiert nicht. Es ist keine gute Stunde für ein Volk, wenn ihm nur noch der Widerschein seiner Werke geboten wird, bevor noch jene selbst auch nur erkannt und erforscht sind, und es kann nicht ausbleiben, daß es mit diesem Widerscheine nicht in Ordnung ist. Duft- und Scheinanthologien brauchen wir nicht, was wir brauchen, ist ehrliche Arbeit — mag sie nun schon bis zur Anthologie gedrungen sein oder noch vor ihr stehen — die ohne falsche Aspirationen und Bumbumstil den Weg zur Erkenntnis und jenen fünfzig Pforten der privativen Einsicht öffnet, die der Auferstehung unserer alten Weisheit in tuns vorangehen muß*), und daß *) Die Vorstellung, die der Übersetzer sich von solcher Arbeit zu machen scheint, geht schon aus dem einen, dem einzigen scheinbar logisch argumentierenden Satz des Nachwortes hervor, in dem ein irgendwie produktiver Anteil des Mose de Leon bei der Redaktion des Sohar geleugnet und sein hohes Alter damit „bewiesen" wird, daß seine Sprache das jerusalemische Aramäisch sei, das seit dem sechsten Jahrhundert schon aus der jüdischen Literatur verschwunden sei. Eine solche Argumentation sollte man doch auch in einer Zeit, in der für das Alter der Kabbala wieder manche Lanze gebrochen wird, nicht vortragen dürfen. Denn weder ist es wahr, daß die Sprache des Sohar und die des jerusalenüschen Talmuds identisch seien, noch beweist ihre Verwandtschaft irgend etwas, noch verschwand dies Aramäisch im sechsten Jahrhundert aus der Literatur (man denke nur an aie späten Pesiktas). Vor allem aber müßte £ann ja jedes aramäische Stück unserer Dichtung und Prosa (etwa der im selben Aramäisch wie der Sohar verfaßte Maggid Mescharim, von dem doch gewiß niemand je bezweifelt hat, daß eF lm 16. Jahrhundert entstanden ist) aus so alter Zeit stammen, ganz zu schweigen, von der Heft 5/6. für diese Arbeit die hundert Arbeiter sich finden, die bitter nötig sind, das muß mit derselben Inbrunst gewünscht und erstrebt werden, wie daß in unserer Mitte jene hundert Drohnen nicht zu finden seien, an welche die grauenhaften Zeilen appellieren, die als die eigentliche wahre Chochma dieser Soharemanation auf der linken Seite allem andern Sprachschein dieses Buchs vorangesetzt sind, so offenbar auf seine tiefere Bestimmung, die Welt nicht nur in Auswahl, sondern auch im Weltdruck zu bestrahlen, deutend: „Als erstes Werk der Welt-Drucke wurden 100 Exemplare dieses Buches auf Büttendruck abgezogen und numeriert." Gerhard Scholem Entgegnung Ich will auf den hauptsächlichen Bestandteil dieser Kritik, auf die Werturteile, nicht eingehen. Nur einige Worte über die mir nachgesagten Absichten und Elementarfehler müssen gesagt werden. Jede Auswahl aus dem Sohar muß bei der Größe und Gehaltfülle dieses Werks unzureichend sein. Mir ging es nur darum, wie ich auch in meinem Nachwort erwähnte, zu zeigen, welcher Stoffkreis und welche Art der Betrachtung überhaupt im Sohar zu finden sind. Der Grundfehler in Scholems Kritik scheint mir, daß er mir unbedingt nur solche Wortübersetzungen aufdrängen will, die in gewissen Wörterbüchern fixiert sind. Ihm fehlt die lebendige Tradition des Wortes, die aber unentbehrlich ist, um jene Tiefe des Wortes zu erschöpfen, die kein Wörterbuch andeuten kann. Kein Wörterbuch vermag auch alle Verbindungen zu berücksichtigen, in denen ein Wort stehen kann, oder die verschiedene sprachliche Atmosphäre zu vermitteln, die dem Wort in diesen Verbindungen eignet und die jeweils verschiedene Übersetzungen bedingt. Für diese Traditionslosigkeit seien nur einige Beispiele angeführt. Das Wort >tm, welches ich mit „wert" übersetzte, kann für ihn nur, die Bedeutung „würdig" oder „schuldlos" haben. Das. Wort „wert" verbindet die Bedeutung „würdig" mit der von „teuer", freilich nicht im Sinne des Marktwerts und Kaufpreises, weshalb auch das von Scholem geforderte Objekt doch bei einiger Sprachkenntnis nicht gut zu leugenden künstlich (und nicht immer richtig) archaisierenden Weise der Soharsprache. In solchen Argumenten spricht sich nur eine sehr naive Auffassung von den so überaus komplizierten Sprachverhältnissen in der jüdischen Literatur aus. 24