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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 366

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Über die jüngste Sohar-Anthologie
Date
1920-01-01
Page
366 (sequence 4)
Language
German
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366 Umschau: Bücherschau der besagten Bösen viele im Weltraum schweben sieht, „er dann Gericht schafft an der Welt" — natürlich, wenn man jedes Wort einzeln übersetzt und dann die Bedeutungen, die am schlechtesten zueinander passen, zusammenstellt, so kann man diese Wendung auch so übersetzen. Nur glaube niemand, daß etwa im Sohar an dieser Stelle eine so präziöse und gesprenkelte Wendung steht. Dem Übersetzer aber scheint die Sache auch nicht ganz geheuer gewesen zu sein, denn er übersetzt, für die methodische Reinlichkeit seiner Arbeit erleuchtend und vernichtend, denn auch gleich im ersten Stückchen auf drei Seiten dieselbe Wendung p nvy, d. h. das Gericht oder das Urteil vollstrecken, in genau der gleichen Bedeutungsnuance auf fünf verschiedene Weisen. Da denkt natürlich, der Leser, der den Prinzipien des Übersetzers traut, es stände jedesmal etwas anderes da. Und wenn gar zweimal in diesem Abschnitt diese Wendung im selben Satze zweimal mit verschiedenen Ausdrücken übersetzt wird, so mag das noch einem mehr oder weniger diskutabeln deutschen Stilgefühl entspringen (das in diesem Falle sicher irregeht, wenn es sich gegen die kräftige und nachdrückliche Wiederholung sträubt), aber daß der Stil und Rhythmus des Sohar dabei ohne Not verfälscht wird, muß dann eben zugestanden werden. Im Sohar steht, ob es uns nun gefällt oder nicht: „Will Gott das Gericht an den Bösen vollstrecken, läßt er die Gerechten aus ihrer Mitte sterben und dann vollstreckt er das Gericht an den Bösen." Und wenn man schon auf den „Duft" des Sohar aus ist, so möge man uns wenigstens keinen unechten unter die Nase halten. Wie freilich sollte dieser Duft auch echt sein, wenn es Rosen gibt (nach Seite 9), die ihn > zwar nicht geben, wie es ordentlich und mit einem anschaulichen Bild im Aramäischen heißt (da sie ihn ja an die Außenwelt hingeben und ausströmen), sondern „tragen". Das ist ein ebenso sinnloses wie gespreiztes Bild, und diese Rosen riechen nach Mystizismus um jeden Preis, und wenn man will nach Expressionismus. Und darnach riecht, man konstatiert es wahrlich mit Erstaunen, noch viel in diesem Buch, und es scheint, als ob jenem mutigen expressionistischen Theoretiker, der ebenso frech wie unwissend vor einigen Jahren auf Grund der Buberschen Bearbeitung der „Erzählungen des Rabbi Nachman" die Kabbala als eine Provinz des Expressionismus erklärte, hier von „sachkundiger" Seite eine Bundesgenossenschaft zuwächst, als deren einziger fester Grund nicht deutlich genug das gemeinsame Unwissen erkannt werden kann. Wer anders etwa sollte es fertig bekommen, die einheitliche Wendung Vnte, die die Juden in ihrem Stilgefühl immer in eine einzige Abkürzung zusammennehmen, so zu trennen, daß das „Gleichnis" ein ganzer Absatz für sich wird, und „wem-ist die Sache ähnlich", sich ihm erst in der nächsten Zeile zu folgen traut! Das Wesen dieser wensenlosen Wörtlichkeit ohne Treue erscheint sehr deutlich in diesem Rosengleichnis (Seite 9), wo der König „Rosen, gut und schön" erblickt. Hier ist dem Übersetzer die Wortlichkeit durchgegangen: um die Wortstellung der Adjektiva um jeden Preis zu retten — wozu aber nicht der allermindeste Anlaß, etwa in besonderer Betonung, vorlag, und was er auch sonst an keiner Stelle tut, so daß auch hier nebst allem andern reine Willkür das Wort hat—, zugleich aber sein Sprachgefühl zu beruhigen, das sich gegen Rosen, gute und schöne, ablehnend verhält, wie es wenn schon, denn schon heißen müßte, was tut er da? Er streicht den Plural in archaischer Weise und bekommt auf diese Art einen treudeutschen Volksliedton heraus — alles im Namen der Erhaltung des Duftes und der Farbe des hebräischaramäischen Wortes —, der nicht gerade nach Sohar klingt. In solchen Fällen führt sich das mit unreinem Gefühl angewandte Prinzip notwendig selbst ad absurdum. Es soll hier gar nicht weiter von der, allenfalls im schweren Hymnenstil denkbaren, hier aber in einer mehr als mittelmäßigen Prosa ganz gesetzlos das eine Mal ja, das andere Mal wieder nicht angewandten syntaktischen Entwurzelung der Sätze — die dabei doch nichts weniger als aramäisch werden — gesprochen werden, die dem Buche jede bestimmte sprachliche Gestalt raubt, eben durch diese offenbare Unentschlossenheit zur Entscheidung zwischen grammatischem und ungrammatischem Deutsch im einfachen Sinne. Es kann hier nur auf Einzelfälle, die aber keine Ausnahmen sind, hingewiesen werden, an denen sich die Sprachverwirrung — ein tiefes jüdisches Laster! — am sinnfälligsten dokumentiert. Was etwa soll man mit einem König anfangen, „dem ein Lustgarten war" (Seite 9), was mit Menschen, die „von derWelt ziehen, um das Zeugnis zu schauen, daß um der Sünden des Menschensohnes sie von der Welt ziehen, und nicht um Adam". Zu dieser fabelhaften Übersetzung würde der Autor des Sohars, wenn ich nicht irre, bemerkt haben: n»acatenDt6 n»n kduui *Ktt, zu deutsch: das muß man sich näher anschauen! Vor allem ist hier jene ruchlose Mystagogie festzunageln, mit der noch heute ein Jude sich jener unheilvollen Übertragung von Bar nasch mit Menschensohn mitschuldig machen kann, so einer philologisch falschen und geistig ungetreuen Wörtlichkeit zuliebe das ganz klare Wort, in dem das Bar nichts anderes als die Zugeordnetheit zu einer bestimmten Kategorie

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