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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Über die jüngste Sohar-Anthologie
Date
1920-01-01
Page
365 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Bücherschau 36S liehen Worten wiederzugeben. Dies nun verbindet sich weiter mit einer grotesken Unkenntnis mystischer Terminologie*), und so kann man sich vorstellen, daß mehr als jene legendären fünfhundert Jahresreisen, die man vom Himmel bis zur Erde braucht, zwischen dem Original und dieser rhythmustreuen Übertragung liegen. Und hierbei muß hervorgehoben werden, daß die übersetzten Stücke zu den all ereinfachsten des Sohar gehören. Es befindet sich in ihnen keine, aber auch tatsächlich keine einzige Stelle, in der bei ruhiger Lektüre irgendwelche Schwierigkeiten liegen, und man ist von hier aus fast noch froh, daß sich der Übersetzer nicht auch an einige der schon eher repräsentativen, in sich und nicht nur im Gemüt eines Lesers, der die Anfangsgründe aramäischer Wort- und Satzlehre nicht versteht, dunklen und schwierigen Stücke gewagt hat, an denen der Sohar überreich ist. Da hätte sich wohl schwer Auszudenkendes ergeben. Immerhin reichen zur Umgrenzung jener Sphäre des dämonischen Dazwischen, in der es zwar Sohar und Aramäisch nicht mehr, aber auch Deutsch noch nicht gibt, die vorliegenden Fragmente völlig aus. Es sei all das hier an Beispielen belegt und ausgeführt Im ersten Stück wird gleich am Anfang, ein leichter Fall, die Partikel pty „dort", das heißt stets in der Zitationsterminologie: an einem andern Orte, also eine Quellenangabe, mit „hierzu", nämlich zu diesem Schriftvers, übersetzt, wodurch eine Überleitung entsteht, die der Sohar, gerade wörtlich genommen, gar nicht hat. Sofort dahinter wächst die zweifelhafte Kurve an und aus dem ganz ungekünstelten Ausdruck (sündlos, rein, würdig) erstehen in mystifizierender Übersetzung und fragwürdigem Deutsch „Menschensöhne", die „nicht wert" *) Deren Zeugnisse sind, da der Übersetzer nur zwei einigermaßen kabbalistische Stücke bringt (in denen es dafür auch hoch hergeht!) und alles übrige eigentlich Aggada ist, hier nicht so häufig, dafür aber tritt sie desto unglaublicher auf in der vom selben Übersetzer im ersten Almaaach des Welt-Verlags veröffentlichten Übersetzung einer im vollen Rüstzeug kabbalistischer Symbolik glänzenden Hymne des Isaak Lurja. Man darf vielleicht;dem Übersetzer raten, wenn es schon nicht anders geht, doch wenigstens einmal einen der großen Kommentare zu diesen Hymnen (wie deren einer s*ch z. B. im.Chemdath jamim befindet) oder eine der großen 'Erkhe hakkinnujim-Samm- *ungen anzuschauen, bevor er magische Hymnen *u übersetzen und zu interpretieren unternimmt. Uber die erste Probe haben alle mystischen kühner gelacht. sind — nicht etwa nichts wert, sondern gerade „nicht wert", ohne daß dem bedürftigen Adjektiv sein Objekt gegönnt wird. Was ist das für eine künstlerische „Treue", die eine semitische Konstruktion, die kein Objekt braucht und in sich klar ist, durch eine ein Objekt regierende im Deutschen wiedergibt, dies Objekt aber im Abgrund versinken läßt, so daß natürlich ganz von selber eine Dunkelheit entsteht, die kein Korrelat im Text hat — und all das, obwohl die bessere Übersetzung durch eines der drei erwähnten Worte bei der Hand lag. Aber eben diese Entfernung scheint dem Übersetzer zu nah zu sein, denn in der nächsten Zeile läßt er „der Bösen viele im Weltraum schweben". Wen bei dieser Vorstellung, versucht er sie zu vollziehen, nicht entweder ein mystischer Schauer, zu dem aber der Text sicher keinen Anlaß gibt, oder aber das Lachen ankommt, den möchte ich sehen. In Wirklichkeit ist aber 'Olam niemals der Weltraum (das ist Challalo schel 'Olarn), sondern ganz einfach und ungespreizt die Welt selber, und rr.ü heißt entweder mit einer auch sonst bei diesem Verbum begegnenden humoristischen Nuance der Übertreibung „in der Welt herumfliegen" — aber auf gar keine Weise „schweben", was auf mystische Ruhe deutet, während das Verbum, wenn es schon so übersetzt werden darf, hier im Gegenteil, auf die geschäftige, ganz unmystische, Herumlauferei der Menschen geht (so daß also die Lacher recht behielten), oder aber, was viel wahrscheinlicher ist, die Wendung heißt unter Zugrundelegung der zweiten Bedeutung des Stammes parach „in der Welt groß werden, aufblühen", in jedem Fall aber ist die Wendung in völlig klarem, bewegtem Sinne überall geläufig, und nur vom Übersetzer stammt die Dunkelheit, die hier so eingehend betrachtet wird, weil sie charakteristisch für ,die Technik aller mystifizierenden Übersetzung ist: die ehrlichen Gedanken durch Aufspreizung und Verschiebung der Worte zu einem Rätselspiel zu machen. Noch auf derselben Seite bekommt es der Übersetzer fertig, nicht nur „Seele" gegen seine eigenen Deutlichkeitsprinzipien mit „Weltseele" zu verdeutlichen, sondern eben dadurch den Sinn zugleich völlig zu verundeutlichen, da sein Zusatz gerade falsch ist; denn die Gerechten werden hier ja ausdrücklich als die Seele des Menschengeschlechtes, nicht als die der Welt erklärt, und die Sündigen sind natürlich nicht der Leib der Welt, sondern der der Menschheit, deren sichtbarsten, leibhaftesten Bestandteil sie bilden. Und damit diese erste Seite wenigstens völlig besprochen sei, muß noch die Behauptung des Übersetzers erwähnt werden, daß wenn Gott

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