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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Über die jüngste Sohar-Anthologie
Date
1920-01-01
Page
364 (sequence 2)
Language
German
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364 Umschau: Bücherschau Dingen zuginge, verbrennen statt erleuchten. In der Tat ist aber dieser Mystizismus auf einer Messerspitze, der achtmal aus dem Korpus eines Riesenbuches ein paar Zeilen und im besten Fall eine ganze Seite herauspickt, alles andere eher, als ein Auffangen des „Strahlens" im geeigneten Prisma. Denn gerade, wer wirklich zeigen wollte, was Sohar ist, sei es zum Guten, sei es zum Bösen, müßte notwendigerweise einige jener seitenlangen, von irgendeinem Zentrum aus ins Unendliche zerfließenden, und gerade in dieser ihrer extensivsten Gestalt erst eigentlich die Sache und ihre Farbe selbst gebenden Erörterungen bringen, die doch das Allererste sind, was jedem, der einmal 10 Blatt zusammenhängend darin gelesen hat, am Sohar als charakteristisch auffällt, noch vor und neben jenen kleinen Geschichten, Glanzstellen und konzisen Sätzen, in denen und mittels derer sich zwar der Sohar wie alle jüdische Literatur auf Duftflaschen, Perlenschnüre und Chrestomathien ziehen läßt, dabei aber jene Gestalt des Unendlich-Verfließenden, das doch immer irgendwie in sein Zentrum zurückkehrt, einbüßt, in der allein sich das „Strahlen" jüdischer Dinge ungebrochen zeigt. Und man wende nicht ein, daß das Bringen solcher Stücke den Umfang dieses Buches etwa gesprengt hätte. Im Gegenteil, es hätte ihn sogar erst erreicht. Es darf nämlich nicht verschwiegen werden, daß nur durch eine verschwenderisch mit dem Papier umgehende Drucktechnik jener Umfang von sechzig Seiten erreicht ist, den die Soharstücke und der Nachweis der in ihnen zitierten Bibelverse einnehmen. Ich habe mir erlaubt nachzuzählen, daß von diesen sechzig Seiten genau dreißig mit Sohartext bedruckt sind (in einer wunderschönen Riesentype, über die man erfreut sein könnte, wenn sie in diesem Fall nicht durch die Jämmerlichkeit dez Ganzen, dessen Blöße sie schlecht verdeckt, Anlaß zu Meditationen gäbe). Alles übrige ist — vom Übersetzer zugefügte — Überschrift, Nachweis und vor allem, mit Respekt zu sagen, leer. Diese Proportionen sind herausfordernd. Die alten Juden druckten ihren Sohar schlecht und recht hintereinander, und waren froh, wenn sie ihn in drei Bände kriegten. Heute ist man froh, wenn es gelingt, acht Stellchen zu einem Bande aufzuplustern, in dem genau soviel an Schreibpapier wie an ein Druckwerk erinnert. Mit Verlaub: das ist Snobismus. Wenn nicht eine Notiz, die noch erwähnt werden soll, dagegen spräche, würde man annehmen, daß hier ein Luxusdruck den Leuten angeboten würde, die Zeit, also auch Geld haben — Zeit, um die leeren Seiten auf alle Fälle mitzulesen, Geld, um sie zu bezahlen. Denn daß wir, die misera plebs contribuens der gewöhnlichen Leser, unserer Buchhandlung dreißig bedruckte Seiten in einem Pappband mit neun Mark bezahlen müssen, das glaubt man nicht, wenn man es erzählt. Nach alledem möchte man wenigstens glauben können, daß die Übersetzung selbst einwandfrei ist, ja mehr: den besonderen Anspruch, den der Übersetzer für seine Weise der Übersetzung erhebt, auch erfüllt. Ihm nämlich ist es nicht genug, den Text „seinem Geist" nach, das heißt also, wenn diese Deutung gewagt werden darf: nur richtig, wiederzugeben, sondern „auch die Form, die reinster künstlerischer Ausdruck dieses Geistes ist,... der Duft und die Farbe des hebräisch-aramäischen Wortes" sollen nicht verloren gehen. So hat er denn „den Rhythmus des Originals nach Möglichkeit beibehalten." Das sind Prinzipien, denen, wenn man den Duft wegläßt, nur zugestimmt werden kann. Wichtiger freilich noch als diese im Nachwort vorgetragenen Prinzipien ist deren in den vorangegangenen Übersetzungen versuchte Durchführung, und dieser Qualitätsarbeit darf wohl ein wenig auf die Finger gesehen werden. Als letzten seiner Grundsätze erwähnt der Übersetzer: „was im Original nicht ganz klar ist, darf auch in der Übersetzung nicht verdeutlicht werden". Es ist wohl selbstverständlich, daß, um diesen recht schwierigen und zweischneidigen Grundsatz richtig anwenden zu können, man in der Lage sein muß, das Original selbst zu verstehen, soweit es eben zu verstehen ist, und daß man die Sprache, in der es geschrieben ist, derart gründlich beherrschen muß, daß man ein einigermaßen autoritatives Gefühl dafür erlangt hat, was in ihr klar und unklar ist. Dem, der eine Sprache nicht versteht, oder dem Anfänger ist natürlich alles unklar und nimmt geheimnisvolle Dimensionen an. Sehr mit Recht hat Hermann Strack einmal bemerkt, für den, der nicht Latein verstünde, sei auch das Original von Cäsars Bellum gallicum ein mystisches Buch. Und welche Vorstellungen vom Rhythmus eines Textes und seinem Stile jemand hat, der ihn nicht oder halb versteht, das denkt man sich gewöhnlich ungern aus. Hier freilich bekommt man sie vom Anfang bis zum Ende unentrinnbar vorgeführt. Denn das muß gesagt werden: der Übersetzer hat keine Ahnung. Weder von der aramäischen Sprache noch von ihrem Stile noch von ihrem Rhythmus. Er betrachtet die Texte gleichsam mit den Augen eines mystischen Gymnasiasten. Nicht nur, daß er, wie gezeigt werden wird, die bösesten Elementarschnitzer macht, sondern ebenso sehr liebt er es, Ausdrücke und Wendungen, die im Original gänzlich und vollkommen klar und deutlich sind, mit gespreizten, dunklen oder auch ganz Unverstand-

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