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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 363

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Über die jüngste Sohar-Anthologie
Date
1920-01-01
Page
363 (sequence 1)
Language
German
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Umschau: Bücherschau 363 MEINUNG UND BÜCHERSCHAU Über die jüngste Sohar-Anthologie Seit längerer Zeit wendet sich das Interesse der Forscher und Laien unter den Juden und anderen wieder jenem dunklen Trümmerhaufen und den darin mit einigem Grund vermuteten Schätzen zu, der in der Gestalt der weiten kabbalistischen Literatur und vor allem des vielschichtigen soharitischen Schrifttums einen so großen Raum auf dem Felde der jüdischen Literatur einnimmt. Kaum verstanden und oft als unverständlich erklärt, oder als sinnlos geächtet, liegen diese Texte vor uns, in denen sich in der Tat alle formalen Schwierigkeiten vereinigen und in dieser Vereinigung zum Äußersten steigern, die sich dem Eindringen in die Substanz unseres Schrifttums entgegenstellen können. So die Sprache des späten, fast künstlichen Syroaramäisch, talmudische Dialektik samt dem Auf und Ab des Midrasch, eine sehr entwickelte mystische Terminologie und Symbolik. All dies macht es nicht erstaunlich, daß die Zahl derer, die auf Anschauung gegründete Begriffe von diesem Schrifttum haben, bei uns verschwindend klein ist und sehr viel kleiner leider, als die Zahl derer, die darüber schreiben. Aus mancherlei, reinen wie zweifelhaften Quellen gespeist, ist unter den ihrer und ihrer Dokumente Unkundigen nun ein fast wunderbares Interesse an der jüdischen Mystik entstanden, dem das der Gelehrten lange nicht Gewicht hält. Die Werke, die von ihr handeln, sind gesucht wie wenige, und so möchte man den Lesern nur wünschen, daß jene Bücher, die in Ermangelung der lebendigen Tradition als Lehrer und Tradenten dienen (und oft sündhaft teuer bezahlt werden), auch wirklich jene Ansprüche erfüllen, die man auf diesem Gebiete füglich an sie stellen muß. Denn hier wird der Irrtum zur Verführung und der sichere Schaden würde den problematischen Nutzen unendlich überwiegen. Jenen Forderungen: Sach- und Sprachkenntnis, philologisches Gewissen, Vorurteilslosigkeit und Vorsicht bei der Deutung entsprechen leider kaum drei von ihnen und Scheinwissen und Dilettantismus im bösen Sinn führen hier das große Wort Weil die Gelehrten (und gerade die jüdischen) sich wenig produktiv und sehr zurückhaltend zeigten — und um die hier hegenden lebendigen Dinge, und sei es selbst richts als Folklore, die noch heute wirkt, unverfälscht sehen und weitergeben zu können, dazu mag wohl noch mehr gehören, als ehrliche ERÖRTERUNG Philologie, die aber durch solches „Mehr" wahrlich nicht überflüssig wird—, patscht mancher Amhaarez, von Verantwortung für die Verführung seiner Leser ungehemmt, dunkel und anspruchsvoll im mystischen Meer. Im Osten gilt es bei den Chassidim als verdienstlich, Sohar zu lesen, auch wenn man kaum ein Wort versteht. Das mag Gründe haben und ist do ch nicht gut — aber immerhin hat wohl noch niemand von ihnen seinen Nächsten Sohar lehren wollen. Bei uns scheint es so weit zu sein. Dem weitverbreiteten Verlangen, kanonische Texte der Kabbala in genauer und soweit das möglich ist, verläßlicher Übersetzung, wenigstens in Teilen zu besitzen, die für die mannigfachen inneren Schichten des Ganzen irgendwie repräsentativ sind — dies irgendwie mit großer Betonung gesagt, denn es gibt hier solche Repräsentation nur in sehr bedingter Weise—, diesem Verlangen also schien ein lange angekündigter Band der „Weltbücher" entgegenkommen zu wollen*). Diese Veröffentlichung liegt jetzt vor und ist, wie im folgenden begründet werden soll, eine böse Enttäuschung, ja, sie wird durch die gar hohen Stelzen, auf denen sie geht (und gegangen wird), eine moralische Zumutung an das Publikum der Leser, so daß es notwendig scheint, Protest und Warnung hier deutlich auszusprechen. Wie das Nachwort die Absicht des Übersetzers ausdrückt, sollte die Auswahl „einen kleinen Widerschein vom Strahlen dieses herrlichen Buches geben". Ein besonderer, fast superlativischer Nachdruck scheint hier auf das Wörtchen klein gelegt werden zu sollen: Der Übersetzer hat nämlich geglaubt, dieses Strahlen in ausreichender Weise aufzufangen, indem er aus dem Sohar und Sohar chadasch, die ungefähr zweitausend engbedruckte Seiten füllen, acht, sage acht kurze Stellen, die kaum 5 Textseiten des Originals ausmachen, vorführte! Bei aller Wertung der Qualität, die sogleich geprüft werden soll, darf auf jeden Fall der Mut bewundert,^ wenn auch nicht geschätzt werden, der diese Quantität als ausreichend erachtete, um in ihr auch extensiv die mannigfachen Manifestationen dieses Strahlens zum Ausdruck kommen zu lassen. Soviel mystisches Licht auf fast punktuellem Raum — das müßte, wenn anders es auch sonst hier mit rechten *) Aus dem heiligen Buche Sohar des Rabbi Schimon ben Jochaj. Eine Auswahl, zusammengestellt und übertragen von Jankew Seidmann. Welt-Verlag, Berlin. 63 Seiten in kl. 8°. Preis 7,50 Mark und 20 % Buchhändleraufschlag.

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