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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 358

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die verwirklichte Lehre von der Arbeit
Date
1920-01-01
Page
358 (sequence 3)
Language
German
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358 Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung sehe Gebot der Arbeit verwirklichen wollte. Es ist charakteristisch für das Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefühl dieser Frau, daß sie sich für solches Zusammenleben nicht die leichtesten, sondern die schwersten Fälle aussuchte: schwer Erziehbare, sittlich Gefährdete oder Entgleiste. Drei Voraussetzungen sind für die Aufnahme in das Isenburger Heim maßgebend: Gesundheit, Hilfsbedürftigkeit und Erziehbarkeit. Bei dieser Auswahl ergab es sich von selbst, daß Mädchen aller Altersstufen — vom Säugling bis zur Erwachsenen, einschließlich junger Mütter — in Isenburg Aufnahme fanden, gm so mehr, als diese natürliche Gruppierung gleichzeitig auch vom pädagogischen Standpunkt von höchster Wichtigkeit erschien. In einem von lauter Mädchen (mit Ausnahme einiger ganz kleiner Knaben) bevölkerten Hause ergibt sich gleichfalls von selbst das der Frau natürlichste Feld für die Verwirklichung der m jüdischen Lehre von der Arbeit. Indem das ganze Mädchenheim in einen Haushalt umgewandelt wurde, fanden die Mädchen Gelegenheit zur Betätigung in der primitivsten und produktivsten Frauenarbeit, der Haushaltsarbeit* Im Isenburger Heim arbeitet jedes Mädchen und jede junge Mutter an der Erhaltung des Hauses mit: die Erwachsenen erlernen dabei systematisch alle Zweige der Wirtschaftsführung, aber auch die Schulmädchen bis herab zu den ganz Kleinen haben schon ihre bestimmten Pflichten. Der Sinn dieser Einrichtung ist ein viel tieferer als etwa nur die Erlernung wirtscliaftstechnischer Arbeiten: sie trägt in die ganze Anstalt einen Geist der Gemeinsamkeit, der Hilfsbereitschaft, der Verbindung aller zu einem Ziel. Durch diese gemeinschaftliche Arbeit wird zugleich den Mädchen ein Ersatz für die Familie, die sie verloren haben oder die sich ihrer entledigt hat, geboten (denn in Isenburg glaubt man an die Familie als Zelle jeglicher Volkskultur). Indem alle, die Hausmutter, jede Angestellte und jeder Zögling, gleiche Pflichten tragen und keinerlei Vorrechte genießen, werden Unterschiede der geistigen Veranlagung, kleine Bildungsnüancen und vor allem soziale Gegensätze ausgeglichen und damit eine soziale Moral in die Anstalt hineingetragen, wie sie vielleicht nur in einem jüdischen Kreise denkbar ist. Eine Arbeitsanstalt, die so durchdrungen ist von Arbeitsfreude und in der man nur solche Mitarbeiterinnen duldet, die wirklich die Technik ihrer Arbeit beherrschen und weiterzugeben verstehen, erzieht — wie man sich in Isenburg täglich überzeugen kann — Menschen, die sich tatsächlich ihrer einfachen Arbeit freuen und sie als den eigentlichen Inhalt ihres Lebens empfinden. Solche Menschen mögen nicht so subtil in ihrem Empfinden, nicht so mannigfaltig in ihrem Denken sein wie andere, bei denen man den Hauptwert auf die Ausbildung des Intellekts legte — aber sie werden im Leben ihren Platz ausfüllen können, werden durch innere Einfachheit vor der Lüge eines Über-sich-selbst-hinaus-wollens bewahrt bleiben und werden die Grundlage aller sozialen Moral in sich tragen: Verständnis für den Mitmenschen. Auch das zeigt sich an den einigermaßen gut veranlagten Zöglingen des Isenburger Heims. Der Schlüssel zur Behandlung der Schülerinnen aber liegt «in den Worten: Güte und Nachsicht. Auch hierin bewährt sich ein typisch jüdisches Element: diese Güte und diese Nachsicht haben nichts mit Sentimentalität zu tun; sie entspringen einem ganz schlichten resignierten Einblick in die Unzulänglichkeit dieser jungen Geschöpfe und der Erfahrung, daß dem Schwachen durch Güte besser zu helfen ist als durch Strenge. Es seien hier noch einige pädagogische und technische Einzelheiten des Isenburger Heims gegeben, die für uns bei der Einrichtung unserer Waisen- und sonstigen Erziehungsheime von größter Wichtigkeit sein können. Die Anstalt, die aus kleinen Anfängen herauswuchs, hat in einem kleinen Hause begonnen, in dessen Umkreis man sich ein ziemlich beträchtliches Terrain sicherte. Heute besteht sie aus vier Häuschen, von denen eines die gemeinschaftlichen und Empfangsräume, ein zweites Arbeits¬ und Schlafräume für Schulkinder und größere Mädchen enthält. Ein drittes Haus, in dem die Anstaltsleiterin ihre Landwohnung hat, soll außerdem Beamtinnen der Anstalt während ihres Urlaubs als Erholungsstätte dienen. In einem vierten Hause sind die Säuglinge, Laufkinder und jungen Mütter untergebracht. Die Schulkinder besuchen die Volksschule und erhalten Religions- und Gesangsunterricht im Hause. Durch Einführung der Einheitsschule ist eine der geistigen Veranlagung entsprechende Schulbildung für jedes Kind möglich geworden. Ihre freie Zeit verbringen die Kinder mit häuslichen Hilfeleistungen, Nähen oder leichter Gartenarbeit; an Sabbath und Sonntag werden Spaziergänge mit ihnen unternommen, bei denen sich — ebenso wie abends im Schlafsaal — am besten Gelegenheit zu freundschaftlicher Unterhaltung zwischen Kindern und Lehrerinnen ergibt. Eine Absonderung besonders schwer erziehbarer Mädchen von den normaleren findet nicht statt: bei Tisch, im Schlafsaal, bei der Arbeit sind alle vereinigt. Man könnte fürchten, daß dadurch die besseren Elemente schlechten Ein-

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