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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die verwirklichte Lehre von der Arbeit
Date
1920-01-01
Page
357 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung 357 Bodenständigkeit, ein blindes Vertrauen auf das Durchbrechen lebenschaffender Kräfte in uns, ohne daß wir genau zu sagen vermöchten, wie diese Kräfte heißen. Was uns an neuem und eigenem Ethos noch fehlt, glauben wir mit neuer Liebe zu dem uns Eigenen ersetzen zu können und übersehen, daß diese Liebe, wenn sie nicht von strengen sittlichen Forderungen begleitet ist, leicht in Eigenliebe umschlägt. Diese Unsicherheit mag im gegenwärtigen Stadium unserer Entwicklung unvermeidlich sein — jedenfalls ist sie ein Hindernis unserer Jugenderziehung, aus dem uns noch mancher Mißerfolg erwachsen wird. Diese Unklarheit über unsere Entwicklungsziele führt dazu, daß wir auch in praktisch-erzieherischer Hinsicht, d. h. in bezug auf die Auswahl unserer Lehrtechnik im Dunklen tappen. Noch besitzen wir kaum ein einziges Institut, das konsequent in allen Zweigen seiner Erziehungsarbeit einer bestimmten Methode folgt. Noch bleibt unsere Jugendarbeit in Ziel und Technik ein Mosaik, das nicht geeignet ist, harmonisch durchgebildete Menschen zu entlassen. Sobald wir uns das einmal klargemacht haben, verstehen wir die Notwendigkeit, uns umzusehen nach Instituten derGemeinschaf tserziehung, in denen sich ein positiver geistiger Standpunkt konsequent bis in die technischen Einzelheiten hinein ausspricht. Am interessantesten für uns sind natürlich jüdische Erziehungsinstitute, bei denen solche Einheitlichkeit sich findet. Es gibt drei Kategorien jüdischer Erziehungsanstalten: orthodoxe, deren Blick in die Vergangenheit gerichtet ist; assimilatorische mit dem Blick auf die Umwelt; jung jüdische mit dem Blick in eine noch ferne Zukunft. Aber keine dieser Kategorien hat die Blickrichtung, die einer jungen Generation den Weg zu unmittelbarer Bewährung als Juden und als Menschen weisen kann: auf den seienden Tag und die lebendige Stunde des Judentums. Unter allen jüdischen Erziehungsinstituten, die ich kennen lernte, habe ich ein einziges gefunden, das diese Blickrichtung hat und ganz konsequent verfolgt: es ist das Heim des Jüdischen Frauenbundes für gefährdete Mädchen in Isenburg bei Frankfurt. Ein Institut, in dem das Judentum nicht ein totes Ritual und nicht eine Ideologie ist, sondern etwas in jedem Augenblick Gegenwärtiges, ist wohl wert, von uns gekannt zu werden — auch dann, wenn diese Art von Judentum sich mit der politischen Lage der Juden abfindet, nationale Bestrebungen ablehnt und mehr unbewußt als bewußt — vielleicht sogar malgre soi — ais Ausstrahlung einer von Jüdischheit durchdrungenen Persönlichkeit wirkt. Das nämlich ist es, was dem Isenburger Heim sein Antlitz gibt: die vollkommene jüdische Persönlichkeit seiner Begründerin und Leiterin. Hier ist ein Judentum, von dem man sagen darf: wenn es die zehn Gebote nicht fertig vorgefunden hätte; so hätte sein Gefühl für Welt und Menschheit sie sich selbst geschaffen. Hier ist ein Ethos der Pflicht und Verantwortlichkeit, das Ethos des Stw b. Dieses Ethos prägt sich in jeder Einzelheit des Isenburger Heimes aus, und das wichtigste ist, daß es nicht mit Worten gelehrt, sondern durch Taten gelebt wird. Ei* Mensch, dessen Jüdischkeit im tiefen Erfassen dieses Geistes der Pflicht und Verantwortlichkeit wurzelt, mußte von Entsetzen über den Abfall des jüdischen Menschen vom Pflichtgebot, von prophetischem Ingrimm über alles Jüdische, sofern es dem jüdischen Pflichtideal abtrünnig geworden ist, ergriffen werden. Einen so großen Ingrimm kann nur. ein noch größeres Vertrauen zum jüdischen Menschen*» davor bewahren, jüdische Art in ihrer heutigen Ausprägung durchaus zu verneinen und ihr womöglich fremde Volksart vorzuziehen. Obgleich sich in dem Isenburger Werk ein solches Vertrauen nicht? immer ausspricht, ist es doch ein Beweis des unermüdlichen Dranges seiner Schöpferin, für Juden zu arbeiten und aus ihnen herauszuholen, was nur irgendwie gut und erhaltswert ist. Auf diesem geistigen Fundament: auf dem jüdischen Ethos der Pflicht und strenger Verfolgung dessen, was den jüdischen Menschen seiner Pflicht entfremdet, beruht die Isenburger Anstalt. Die schlimmste Verführung zum Abfall vom jüdischen Pflichtgebot sieht die Leiterin des Heims in der Trägheit, der geistigen und körperlichen Lässigkeit im Tragen der Mühen des Tages. Mit der Lehre von der erlösenden Kraft der Arbeit ging sie. an ihr Erziehungswerk, und ihrem ganzen Verantwortlichkeitsgefühl entsprechend, schickte sie sich alsbald an, diese Lehre nicht vorzusagen, sondern vorzuleben. In dem Isenburger Heim redet man wenig und arbeitet viel. Sehen wir uns im einzelnen an, was man in Isenburg arbeitet. Das Heim wurde errichtet als eine Sammelstätte für Mädchen, deren körperliche und seelische Entwicklung irgendwie gefährdet ist. Nicht aus billigem „Rachmones" sollen diese schutzbedürftigen Wesen hier versammelt werden, nicht um an ihnen soziale Theorien zu verwirklichen, nicht um religiöser Zwecke willen und nicht etwa zur Abwehr des Antisemitismus; sondern weil eine mütterliche Frau, die an die Entwicklungsmögtichkeiten des Guten im Menschen glaubt, mit jüdischen Kindern zusammenleben und mit ihnen das jüdi»

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