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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die verwirklichte Lehre von der Arbeit
Date
1920-01-01
Page
359 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung 359 fiüssen ausgesetzt sind; aber von der Überzeugung ausgehend, daß ja auch das im Privathause aufwachsende Kind den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt ist, nimmt man diese Gefahr mit in den Kauf; min vertraut eben darauf, daß die schlechten Einflüsse vor den guten des Heims verblassen. Hierzu kommt als weiteres Prinzip das einer größeren Freizügigkeit, als in irgendeiner Anstalt, in der sich auch Fürsorgezöglinge befinden, üblich ist. Die Säuglingsabteilung ist nicht etwa streng von den anderen geschieden, sondern in Garten und Haus kommen Kleine und Große miteinander in Berührung. Die Größeren werden zu Hilfeleistungen bei den Kleineren herangezogen, was den familienhaften Charakter des Heimes erhöht und die Mädchen an den für eine Frau natürlichen Umgang mit Kindern, an die mit dem Werden und Wachsen des Menschen verbundenen Vorgänge gewöhnt. Ein nicht leichtes fCipitel sind die jungen Mütter, häufig uneheliche Mütter, manchmal solche, deren Männer eine Freiheitsstrafe abbüßen; aber in fast allen Fällen Frauen aus furchtbar zerrütteten Verhältnissen und ohne jegliches Verständnis für ihre mütterlichen Aufgaben. Sie möglichst eine Weile vor der Niederv kunft aufzunehmen und sie solange wie möglich in der Anstalt zu behalten, um ihnen neben ihrer eignen und des Kindes Pflege ein gründliches Verständnis für ihre sittlichen und konkreten Pflichten gegenüber ihrer Familie zu geben, ist ein Grundprinzip des Isenburg er Heimes. Die vier Häuser liegen inmitten eines Gemüse- und Obstgartens von i Morgen Ausdehnung, in dem unter Beihilfe der Kinder Früchte gebaut und Hühner gezogen werden. Durch diese Anordnung spielt sich das Leben der Anstaltsinsassen zu einem großen Teil im Freien ab* Das Personal der Anstalt, die heute ca. 12 Kleinkinder und 30 Schulmädchen bzw. Schulentlassene umfaßt, besteht aus einer Betriebsleiterin und ihrer Stellvertreter^, zwei Lehrerinnen, einer Handarbeitslehrerin, einer leitenden und einer zweiten Säuglingsschwester, zwei Kindergärtnerinnen, einer Köchin (eine junge Mutter, deren Kind im Säuglingshause untergebracht ist), einer Gärtnerin und einer €eleg*ntlich beschäftigten Aufwärterin. Die Arbeit aller dieser reichlich beschäftigten Hilfskräfte ist nicht auf ein Spezialgebiet konzentriert, sondern jede einzelne lernt überall mit anzugreifen, wo gerade Hilfe benötigt wird. Dies sind die wichtigsten technischen und pädagogischen Gesichtspunkte. Wir können daraus für unsere Erziehungsinstitute, besonders für die Erziehung unserer Mädchen, deren Verr sagen in aller praktischen Arbeit unser Werk schwer bedroht, außerordentlich viel lernen. Es bleibt nur noch einiges von dem zu sagen übrig, was uns der Kern und Ausgangspunkt aller Jugenderziehung ist: die Jüdischkeit. Wir haben vom Wesen der Leiterin gesprochen, von ihrer vollkommenen Durchdringung mit jüdischer Ethik, jüdischem Verantwortlichkeitsgefühl und Treue zürn jüdischen Gebot. Der Wesenskern einer so starken Persönlichkeit kommt natürlich in allen Einzelheiten ihres Tuns zum Durchbruch: ob sie den Kindern am Freitagabend einen Teil der jüdischen Lehre erläutert, oder ihnen die Bedeutung eines Festes erklärt, oder ob sie — ohne ausgesprochenen Hinweis auf jüdische Ideen — den Schülerinnen ein Leben jüdischer Gerechtigkeit vorlebt — immer ist sie Jüdin. Nur: wir leben in einer Welt und Zeit, in der man sein eigenes Judentum nicht mehr mit Selbstverständlichkeit neuen Geschlechtern weitergeben kann, denn in diesen neuen Geschlechtern ist die Kette der Tradition zerbrochen und der unbedingt jüdische Instinkt, der den früheren Generationen Quelle all ihres Seins war, erstorben. In einer solchen Zeit der rapiden Auflösung des Judentums kann es nicht mehr genügen, daß ein durchaus jüdischer Mensch Keime edlen Menschentums in die Seelen der jungen Generation legt und darauf vertraut, daß das Judentum in ihnen sich von selbst entwickelt. In einer solchen Zeit kann das Judentum nur -dadurch erhalten werden, daß man die Jugend zur Selbstbesinnung und Entscheidung hinleitet, zu einem bewußten Anschluß an den eigenen Stamm, zu einem unerschütterlichen Vertrauen auf das Gute in ihm — trotz all seiner Fehler und Entartungserscheinungen. Gerade jemand, der von sich selbst weiß, daß er ein ganzer Jude und ein ganzer jüdischer Kämpfer ist, kann glauben, eine Erziehung zu solcher Entscheidung unterlassen zu dürfen, — aber sein Kampf wird dann ein Kampf auf dem verlorenen Posten des sterbenden Judentums sein. Unter den Schülerinnen der Isenburger Anstalt sehe ich manche, die veredelt durch die Verwirklichung der Lehre von der Arbeit, die ihre Kindheit begleitete, in die Welt hinausgehen wird; aber ich sehe keine, auf deren unbedingte Treue zum Judentum ich bauen darf. Und ich sehe niemanden in Isenburg, der den leitenden Gedanken der Gründerin dieses Heimes erben und weiterbilden wird: daß die Arbeit das Mittel zur Erlösung des Judentums ist. Ich sehe viel tüchtiges Menschentum aus Isenburg hervorgehen, aber keinen Keim zu neuem Judentum. Helene Hanna Cohn

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