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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 355

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd
Date
1920-01-01
Page
355 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd 355 Augen beobachtet haben und den ganzen Menschen. Es sind lachende blaue, sehr hurtige Augen. Und viel Hohn ist darin. In den Bewegungen Chagalls überrascht die vollkommene Hemmungslosigkeit. Man denke sich ein Meeting in Petrograd, die allgemeine Gebundenheit: Die Nordkommune und alles, was sich darin bewegt, ist stilisiert. (Man denke an den pathetischen Stil der Pariser Revolution.) Chagall ist ungebunden. Ich hörte, er lebe in Witebsk, wo er eine Kunstschule leite. Erzeugen schon Städte wie Witebsk solche freie Persönlichkeiten? Ich fragte Chagall, ob er immer in Witebsk gelebt habe. Nein, er hatte auch in Paris gelebt. Das war die Erklärung. Chagalls Judenstädten ist ein heiterer, man möchte beinahe sagen, flämischer Zug eigen. Es ist, als ob jemand hinter der Leinwand kicherte, die man ehrlich bestrebt war zubewundern. Und zum Schluß wird der Autor ganz übermütig und malt in den Himmel seiner Provinzszenerie einen schwebenden Menschen hinein, vielleicht sich selber, und seine Geliebte dazu. Beide lachen, ein unbändiges schallendes Lachen, das kein Ende nimmt und zur grinsenden Grimasse wird. Chagalls alte Judenköpfe haben wenig mit den ehrwürdigen Greisen gemein, die Struck malen würde. Er hat einen „grünen" und, ich glaube, einen „gelben" Juden ausgestellt. Und dann seine Liebesbilder. (Man findet sie in Efros7 Monographie des Malers abgebildet*). Eine Herausforderung an den Wirklichkeitssinn dürfte man sie nennen. Ein Wirbelwind scheint Chagalls Gestalten ergriffen zu haben: der Liebhaber fliegt durch den Raum, das Mädchen verrenkt den Hals in der schwindelnden Umarmung, Altman hatte nur zwei Sachen ausgestellt: Dekorationsmuster. Er nannte sie „Jüdisches Ornament". Schwarz und Gold. Eine Verbindung von Kartuschenmotiv und jüdischen Schriftzeichen. Kein feiner sorgsam gezeichneter Buchschmuck, keine lineare Eleganz, wie sie Lilien eigen ist, auch keine rauh gestrichelte Holzschnittmanier. Die Kubisten — Altman ist deren einer— haben das Gefühl für die Eigenschaften der Linie gewandelt. Der Sinn für feine Gliederung, für wechselvolles Spiel in der Strichführung ist verloren. Was Altman zu geben sucht, ist eher eine Art Freskenmalerei, improvisiert und unbeholfen. Die Einfügung einzelner unsymmetrisch verteilter Buchstaben in das Ornament ist keine willkürliche Spielerei; in den alten jüdischen Ornamenten kommt das Motiv häufig vor. *) Eine deutsche Ausgabe dieser Monographie ^ird vom Verlag Gustav Kiepenheuer vorbereitet (Anm. d. Red.). Von dem in Petrograd lebenden Maler Brodski, der vor etwa 8 Jahren einen schwungvollen Anlauf genommen hatte, ist augenblicklich wenig Neues zu hören. Er setzt mit Erfolg seine Bilder ab, die sehr hoch eingeschätzt werden. Seine feinsinnigen Landschaften (ein Corot, nur ornamentaler gedacht), die ihm einen eigenen Platz in der russischen Malerei sichern, lassen sich nicht wiederholen. Grau und nüchtern ist Brodski (der Maler, nicht der Mensch) geworden. Lachowski ist immer der tüchtige, vielbegehrte Landschafter mit westeuropäischer Routine. Ein gänzlich Unbekannter ist aber noch Gurwitsch mit seinen in Kohle und italienischem Stift gezeichneten Kompositionen, visionären architektonisch aufgebauten Gestalten, die einen antiken Chorgesang anzustimmen scheinen. (Auch biblische Gestalten sind darunter.) Unter den Bildhauern ist Bloch die mit Staatsaufträgen verwöhnte Mittelmäßigkeit und Sinaj ski das begnadete Talent. Ilja Ginzburg widmet sich mehr der pädagogischen Tätigkeit. Er steht an der Spitze der jüdischen Gesellschaft zur Förderung der Kunst, wo ich die Freude hatte, mit ihm zusammen zu arbeiten. Die Gesellschaft hatte es sich vorgenommen, die in Petrograd befindlichen jüdischen Kunstschätze zu sichten, die der Allgemeinheit noch beinahe unbekannt sind. Die ethnographische Abteilung des Russischen Museums in Petrograd (das frühereMuseum Alexander III.) besitzt z. B. eine ansehnliche Sammlung jüdischer kunstgewerblicher Gegenstände aus Westrußland, Trachten kaukasischer und Bucharischer Juden (nur ein Teil kann besichtigt werden, das übrige liegt bis auf weiteres in Kisten verpackt) und photographische Aufnahmen von jüdischen Grabsteinen aus Litauen und Polen; die Sammlung ist der unermüdlichen Tätigkeit des Konservators des Museums, des Herrn Milier zu verdanken. Auch das Asiatische Museum in Petrograd birgt so manche jüdischen Schätze. Unter anderen Unica der darin befindlichen Friedlandschen Bibliothek ist der handschriftliche Machsor aus dem achtzehnten Jahrh. erwähnenswert, der, wie das Titelblatt bezeugt, von einem Juden in Tunis geschrieben und illuminiert worden ist. Die eigenartige Ornamentation — ein Gemisch französischer Barock- und Rokokomotive und orientalischer Einschläge — verdient es einen besonderen Platz in der jüdischen Miniaturmalerei einzunehmen. Die mit Holzschnitten reich geschmückten holländischen, italienischen und deutschen Haggaden zeigen uns, wie ein jüdisches Buch im siebzehnten und achtzehnten Jahrh. ausgesehen hat. Leider sind diese Schätze nur wenigen Kundigen zugänglich. 23*

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