Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Umschau: Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd auch Chagall und Altman, die Führer der Schule, — denn sie scheinen Schule zu machen — sind keine Archäologen, keine Kunsthistoriker, Aber die Saat, die im letzten Jahrzehnt ausgestreut wurde von den Gelehrten und den Publizisten, ist aufgegangen. Rybak ist in die Betrachtung alter Vorbilder versunken, er ist ein bedeutender Nachempfinder. Einem beflissenen Kopisten wäre es nie gelungen, die Wandmalereien der Mohilewer Synagoge wiederzugeben. Ihr schmutzigbrauner Farbenton würde kein Timbre haben, keine Vibration. Rybaks Malerauge entdeckte darin Schattierungen, rötlich schwarze Tiefen und kühlere blanke Flächen. Er, der moderne Analytiker, zerlegte den reizvollen Teppich (die Mohilewer Wanddekoration besteht aus geometrisierten Rankenversehlingungen, hieratischen Löwen und Greifen, stilisierten Schiffen — ein buntes Teppichmuster) in die ursprünglichen elementaren rechteckigen Linienverbindungen, er läßt das Gerüst hinter dem spielerischen Aufputz ahnen, er vertieft und vervielfältigt die ^Freuden des Genießenden, indem er ihm Bewegungsemotionen-suggeriert, die das Original vielleicht nicht auszulösen vermag. Ich habe mir das mehrmals sagen müssen, als ich den einen oder den anderen Effekt auf seinen Gemälden aus dem Mohilewer Zyklus verfolgte. Rybak ist ein Seher, ein Improvisator. Der Aufenthalt in Mohilew am Dnjepr, der Kontakt mit der jüdischen Kleinstadt hat ihm so manches selbständige Thema eingegeben. So entstand sein Fries: „Der Rebbe kirnt". Es ist das keine feierliche synagogale Wanddekoration, eher ein humorvolles Sittenbild und doch nicht Natur allein. Gewiß, echt, unverfälscht ist die jauchzende und tanzende Menge, die dem anfahrenden Rabbi zujubelt, unnachahmlich echt, unverfälscht jüdisch aussehend die wunderlichen, spaßigen Pferdchen. Und doch ist das Ganze eine Stilisation, eine Übertreibung. In . diesen krausen, zotteligen, verschnörkelten Linien ist irgendwie, man weiß nicht recht wie, der Habitus des jüdischen Städtchens ausgedrückt. Es ist ein bleibendes Zeugnis einer Epoche, ihre Apotheose. Natürlich ist Rybak begeisterter Sammler. Er hat einem arg vernachlässigten Judenfriedhof ein paar wunderschöne Grabsteinplatten entwendet und behütet sie sorgsam. Im Jahre 1918 träumte er von einer Ausstellung jüdischer Gemäldezyklen. Was daraus wohl geworden ist? Ich hörte nur noch später, daß Rybak mit anderen Malern von einem Mäzen aufgefordert wurde, die Sommermonate in dessen Heim, ich glaube, es sollte in der Krim sein, zu verbringen. Dort war den Künstlern die Gelegenheit geboten, einmal gan2 -hrer Kunst zu leben. Ein paar Daten über Geburts- und Studienjahre, die Rybak flüchtig und eher unwillig gestand, führte ich mit auf meiner Reise nach Nordrußland. Sie sind verloren. Was ich behalten habe: Rybak stammt aus einem der vielen jüdischen Städtchen in der Ukraine. Er studierte in der Odessaer Kunstschule, kam darauf nach Petrograd, wo er Chagall und die anderen kennen lernte. Sicherlich werden wir noch von ihm hören und einmal Genaueres über ihn erfahren. Den jüdischen Friedhof auf der Lukjancwka besuchten wir unter der bewährten Führung des Herrn G. Gurewitsch, knapp vor der grauenvollen Explosion, die zahlreiche Menschenleben in der Vorstadt und viele wertvolle Steine auf dem Friedhof vernichtete. Wir bewunderten so manche Steinplatte mit geometrischen Arabesken und Löwenschildern, die Rybak einmal nachzuzeichnen gedachte. Es fielen einem auf diesem kleinrussischen Judenfriedhofe besonders die aus gebrannten Ziegeln gemauerten aufrecht stehenden Grabplatten auf. Sie sind im Stil der russischen Zivilarchitektur gehalten und bilden eine Art von kleinen Portalbauten mit Türmchen auf den Simsen und Giebeln. Eine sehr primitive Art von Sarkophagen — ich erinnere zum Vergleich an die prächtigen Gratmäler in Prag oder in Wien aus der Renaissance und dem Bareck — gab es noch am Kiewer Friedhofe zu sehen. Sie stammen aus einer ziemlich späten Zeit und fallen um so mehr durch ihre Dürftigkeit auf. Diese Sarkophage stellen eine ungegliederte geschwungene Masse dar in der Gestalt eines Eselsrückens, dessen halsartige Verlängerung die aufrecht stehende Gedenkplatte stützt. Ich will hier nicht bei den heltenisierenden Architekturen verweilen, die die Grabstätten der Familie Brodski und anderer schmücken. Sie erinnerten leider nur zu lebhaft an das langweilige Camposanto in Genua. Die Kunstausstellung im Winterpalais in Petrograd im Frühjahr 1919 bot die Gelegenheit, Altmans und Chagalls Schaffen kennen zu lernen. Altman stellte schon vor.dem Kriege aus und fand in engeren Kreisen Beachtung. Chagall war eine von Benois* späteren Entdeckungen. Es spricht sehr für das umfassende Verständnis des russischen Kunstschriftstellers, daß er den Juden Chagall verstehen konnte. Chagall ist der Maler der jüdischen Provinz. Auch andere Künstler wie Dobujinski und Lukomski malten jüdische Städtchen, krumme Gassen, langweilige braune Zäune, schlichte Bethäuser. Aber es waren Nichtjuden, und sie machten romantische Landschaften daraus. Chagall sieht all dies mit anderen Augen. Man muß diese